Energie ist ein starkes politisches Druckmittel, wie aktuelle Ereignisse zeigen: Nach dem Sturz von Nicolás Maduro leiteten die USA venezolanisches Rohöl in ihr Land. Washington versucht zudem, Kuba durch Reduzierung der Treibstofflieferungen zu beeinflussen und Iran blockierte im Konflikt die Strasse von Hormuz für Tanker. Europa steht vor Herausforderungen, da seine Abhängigkeit von Importen deutlich wird. Vor dem Iran-Krieg bezog es rund 60 Prozent seines Flugzeugtreibstoffs aus dem Persischen Golf, wo Rohöl zu Kerosin verarbeitet wurde. Nun fehlen Erdöldestillate in Italien und anderen Ländern. Lieferungen aus Nahost lassen sich nicht durch Importe aus anderen Regionen kompensieren, da diese andere chemische Eigenschaften aufweisen. Europas Raffineriekapazität hat zudem abgenommen. Die verbleibenden Anlagen fokussieren nicht auf Kerosinproduktion. Durch die laufenden Verhandlungen könnte die Strasse von Hormuz wieder befahrbar werden, doch viele Produktionsstätten in der Golfregion sind beschädigt. Reparaturen sind zeit- und kostenintensiv. Ein Ausfall von Raffinerien hat weltweite Folgen, da jede Anlage spezialisiert ist. Die Verarbeitung von Rohöl erfolgt in drei Schritten, wobei Dichte und Schwefelgehalt entscheidend für die Qualität sind. Die leichtere West Texas Intermediate (WTI) aus den USA ist einfacher zu verarbeiten als saures venezolanisches Öl. Raffinerien variieren in ihrer Komplexität; einige können mit verschiedenen Rohölsorten umgehen, während andere spezialisiert sind. Ein Sortenwechsel erfordert meist Jahre und hohe Kosten. In den USA sind die meisten Anlagen auf schweres Erdöl ausgelegt, was einen Wechsel ineffizient macht. Raffinerien versuchen oft, unterschiedliche Öle zu mischen, um gewünschte Produkte herzustellen. Fujairah in den VAE produziert schwefelarmes Schweröl für Schiffsmotoren. Indische Raffinerien sind vielseitig und kaufen je nach Preis verschiedene Rohölsorten ein, wie russisches Erdöl, das sie zu Diesel verarbeiten und exportieren. Der größte indische Raffineriekonzern Reliance Industries baut eine Anlage in Texas für Schieferöl. Europa ist relativ selbstständig bei Benzinproduktion, aber auf Kerosinimporte angewiesen. Die Zahl der europäischen Raffinerien nimmt ab, beeinträchtigt durch geringe Margen und strenge Auflagen. Eine Studie prognostiziert bis 2035 fast eine Halbierung der Kapazität in Europa, während andere Regionen expandieren. Um Lieferausfälle zu kompensieren, kann Europa auf Importe aus dem Atlantikraum zurückgreifen, was jedoch teurer wird. Raffinerien könnten dann ihre Produktion einschränken und sich anpassen müssen.