Für den Basler Psychiater Joachim Küchenhoff ist Verzeihen eine notwendige, heilende Kraft, vorausgesetzt Gesellschaften und Individuen investieren in einen aufrichtigen Prozess des Vergebens. Er argumentiert, dass echtes Vergeben den Impuls zu sofortiger Vergeltung überwindet. “Verzeihen und Verzicht sind sprachlich miteinander verbunden”, erläutert Küchenhoff im Gespräch.
Der 1953 geborene Joachim Küchenhoff, der bis 2018 als ärztlicher Direktor der Psychiatrie Baselland fungierte und an der Universität Basel lehrte, setzt seine psychotherapeutische Arbeit in seiner Praxis nach seiner Emeritierung fort. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der Internationalen Psychoanalytischen Universität (IPU) in Berlin. In jüngster Zeit hat er sich vermehrt mit Geisteswissenschaften und Theologie auseinandergesetzt, was in Publikationen zu Themen wie Hoffnung und Verzeihen resultierte.
Küchenhoff betont, dass Verzeihen oft fälschlicherweise als Aufgabe der Gerechtigkeit missverstanden wird. Er erinnert an die biblischen und religiösen Prinzipien, nach denen nur durch Wahrheitsfindung und Wiedergutmachung echte Versöhnung erreicht werden kann. Andernfalls droht Gewalt wie ein Bumerang zurückzukehren, so wie es im Nahen Osten beobachtet wird.
Verzeihen bedeutet für Küchenhoff, dass das Opfer sich selbst ermächtigt und die Situation aktiv gestaltet statt passiv zu erleiden. Als Beispiel nennt er Gisèle Pelicot aus Frankreich, deren Autobiografie “Hymne auf das Leben” ihre Vergewaltigungserfahrung beschreibt. Pelicot fordert nachdrücklich, dass die volle Wahrheit ans Licht gebracht wird und ihre Täter zur Rechenschaft gezogen werden.
Verzeihen setzt einen stillschweigenden Punkt und bietet Raum für Reflexion. Es unterbricht den Kreislauf von Aggression und Vergeltung. Küchenhoff betont jedoch: “In dieser vergebenen Zeit muss auch etwas passieren.” Die Wahrheitskommission Südafrikas, die politisch motivierte Verbrechen während der Apartheid untersuchte, wird als vorbildlich hervorgehoben.
Trotz dieses Prozesses leidet Südafrika heute weiterhin unter Gewalt und sozialen Spannungen, da keine Wiedergutmachungsmaßnahmen folgten. Verzeihen ist nach Küchenhoff kein einfaches “Glücksrezept”; es erfordert intensive Auseinandersetzung mit Schuldgefühlen und Traumata ohne Gegengewalt.
Er spricht lieber von einer intensiven “Verzeihensarbeit”, die den Weg für ehrliche Vergebung ebnet. Nur so kann echte Entschuldigung und nachhaltiger Frieden sowohl zwischenmenschlich als auch gesellschaftlich erreicht werden. Küchenhoff veröffentlichte das Buch: “Verzeihen. Plädoyer für eine unverzichtbare psychosoziale Fähigkeit.” Psychosozial-Verlag, 2026.
Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 03.04.2026, 8:30 Uhr.