Steinways Klaviere sind weltberühmt, doch der technikaffine Firmenchef William Steinway schmiedete vor über hundert Jahren eine ungewöhnliche Allianz mit Daimler. Im Jahr 1888 stand ein prachtvoller Steinway-Flügel in einem New Yorker Salon neben zwei Herren mit Zylinderhüten – Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach. Kaum vorstellbar, dass die Firma, bekannt für musikalische Perfektion, das erste deutsche Automobil auf amerikanischen Straßen veröffentlichte.
Die Ära der modernen Mobilität begann vor etwa 140 Jahren, als viele von den neuen Fortbewegungsmitteln begeistert wurden, darunter William Steinway. Als Nachkomme des Klavierbau-Pioniers Heinrich E. Steinway und Leiter von Steinway & Sons, war er auch für Elektrizität, Dampfmaschinen und Eisenbahnen begeistert.
Besonders das in Deutschland entwickelte Automobil faszinierte ihn: Gottlieb Daimlers vierrädrige Motorkutsche oder Carl Benz’ dreirädrigen Patent-Motorwagen. Im Jahr 1886 hatten Daimler und Benz unabhängig voneinander Automobile mit Verbrennungsmotoren erfunden.
Daimlers Triebwerke fanden Verwendung in verschiedenen Verkehrsmitteln, von der zweirädrigen Reitkutsche (1885) bis hin zum Wölfertschen Motor-Luftschiff 1888. Die deutschen Wurzeln der Steinways beeinflussten William Steinway stark, der während einer Deutschlandreise im Jahr 1888 auf Gottlieb Daimler traf. Vermutlich über den Konstrukteur und Vertrauten von Daimler, Wilhelm Maybach, kam es zur Zusammenarbeit.
Am 22. August 1888 diskutierten Steinway und Daimler die Lizenzproduktion der Motoren in den USA. Steinway sicherte sich die Rechte für seine Firma, um Motoren und später Daimler-Automobile zu bauen und zu vertreiben. Am 29. September 1888 gründete er die Daimler Motor Company (DMC) auf Long Island.
Marcus Breitschwerdt, Leiter von Mercedes-Benz Heritage, betont: «Daimler war international ausgerichtet und setzte stark auf Export – eine Strategie, die bis heute anhält. Gründer müssen global denken, wie Tesla in jüngerer Zeit gezeigt hat.
Im August 1890 lieferte Daimler New York seinen ersten Vierzylindermotor. Wenig später begann Steinway mit der Lizenzproduktion in Hartford, um Importzölle zu umgehen. Dies führte zur Fertigung des ersten betriebsfähigen Fahrzeugmotors in Amerika nach deutschen Plänen.
Die Weltausstellung 1893 in Chicago bot die Plattform für das erste öffentlich gezeigte funktionierende Automobil in den USA – eine modifizierte Version des «Stahlradwagens». Steinway plante robuste Autos, angepasst an amerikanische Straßen.
Seine Pläne umfassten Fahrzeuge mit 2,5 bis 3,5 PS starken Motoren und einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 22 km/h. Er versprach günstige Betriebskosten pro Kilometer.
Nach seinem Tod im Jahr 1896 übernahm die General Electric Company das Unternehmen, das später zur Daimler Manufacturing Company wurde. Im Jahr 1905 rollte der erste «American Mercedes» vom Band – eine Kopie des Mercedes 45 PS.
Diese Version war mit rund 7500 Dollar deutlich günstiger als importierte Modelle und übertraf viele Serienfahrzeuge seiner Zeit in Leistung. Frank Wilke von Classic Analytics betont: «Mit dem ‹American Mercedes› bewies Daimler die technische Machbarkeit.
Der Erfolg war jedoch kurzlebig; nur etwa 100 Autos wurden gebaut, bevor ein Brand die Produktion 1907 stoppte. Doch schon 1908 wurde an einer neuen Fabrik gearbeitet. Die Produktion endete um 1912, und die erste große Produktionsstätte in den USA schloss zu Beginn des Ersten Weltkrieges.
Erst 1995 eröffnete ein neues Mercedes-Werk in Alabama. Derzeit wird dort das fünfmillionste Fahrzeug produziert. Obwohl der «American Mercedes» von 1905 seinen Namen trägt, interessiert er auch internationalen Sammlern – gut erhaltene Exemplare kosten heute Millionen.
Von der amerikanischen Version existiert nur noch ein Fahrzeug, das aktuell restauriert wird und mehr wert sein könnte als ein Steinway-Flügel.