Die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» ist im Juni zur Abstimmung angesetzt, wodurch die Zuwanderungsfrage erneut in den Fokus gerät. Sie zielt darauf ab, die Einwohnerzahl zu begrenzen und könnte dabei die bilateralen Beziehungen mit der EU gefährden.
Seit der Jahrtausendwende verzeichnete Europa ein ungewöhnlich starkes Bevölkerungswachstum, hauptsächlich angetrieben durch Zuwanderung, welche den Arbeitskräftemangel abmildert. Die Schweiz hat momentan etwa 9,1 Millionen Einwohner. Prognosen des Bundesamtes für Statistik und der UNO deuten auf ein weiteres Wachstum bis zu 10,3 Millionen bis 2050 hin. Ohne Zuwanderung würden die niedrigen Geburtenzahlen ab circa 2035 jedoch zu einer Bevölkerungsabnahme führen.
Das Bevölkerungswachstum stellt Verkehr, Infrastruktur und den Wohnungsmarkt vor Herausforderungen. Die Debatte um Dichtestress wird durch steigende Staustunden sowie Mieten und Immobilienpreise befeuert. Bislang ist es der Politik nicht gelungen, diese Effekte effektiv zu kompensieren.
In Europa erwartet Eurostat den Höhepunkt der Bevölkerungszahl für 2026, gefolgt von einem Rückgang. Die EU-Mitgliedsstaaten unterscheiden sich stark in ihrer Entwicklung; wachsende Staaten wie Irland und die Niederlande stehen schrumpfenden Regionen im Baltikum, auf dem Westbalkan sowie in Griechenland und Italien gegenüber.
In der Schweiz zeigt sich ein differenzierteres Bild: Alle Kantone profitieren von einer positiven Nettozuwanderung aus dem Ausland. Zentren wie Zürich und Genf erleben aufgrund hoher Einwanderungs- und Lebenskosten eine Verdrängung, was zu verstärkter Binnenmigration in Nachbarkantone wie den Aargau und Freiburg führt.
Das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz ist im betrachteten Zeitraum signifikant gestiegen, wobei Kritiker bemerken, dass die Wirtschaft nicht überproportional von Zuwanderung profitiert hat. Philippe Wanner, Professor für Demografie in Genf, weist auf die Abhängigkeit der Schweiz von hochqualifizierter Migration hin und warnt davor, dass zukünftige Generationen in Europa kleiner werden könnten.
Die Pensionierung der Babyboomer könnte theoretisch bessere Lohnbedingungen für junge Menschen schaffen, doch bleibt ungewiss, ob die Schweiz weiterhin genügend Arbeitskräfte anziehen kann. Trotz eines Anstiegs des BIP pro Kopf um 23 Prozent zwischen 2000 und 2022 liegt das Wachstum im Einklang mit anderen westeuropäischen Ländern.
Die Zuwanderung entlastet die Sozialwerke, insbesondere das Umlagesystem der Altersvorsorge. Ohne diese würden jedoch finanzielle Engpässe drohen, sobald die arbeitende Bevölkerung schrumpft und Rentenansprüche für Zugewanderte entstehen.
Länder wie Italien und Griechenland versuchen mit Steuererleichterungen ausgewanderte Fachkräfte zurückzuholen. Europaweit wurden die Familienpolitiken reformiert, um Überalterungsprobleme zu bekämpfen. Laut UNO wird im nächsten Jahrhundert nur noch die afrikanische Bevölkerung wachsen.
Bis 2100 prognostiziert Eurostat einen Rückgang der EU-Bevölkerung von 449 auf 419 Millionen, selbst bei anhaltender Drittstaatenmigration. Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz bleiben jedoch ungewiss: Optimisten sehen Potenzial in KI zur Schließung demografischer Lücken, während Pessimisten befürchten, dass sie die Beschäftigung massiv verändern könnte.