Die Idee der Menschheit steht oft im Zentrum politischer Utopien und wird doch von Kritikern angegriffen, die das Konkrete dem Abstrakten vorziehen. Die Debatte dreht sich dabei um den Universalismus, der schnell in Identitäts- und Gemeinschaftskultur abgleitet.
Begriffe wie Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Menschenrechte werfen Fragen auf: Was genau bezeichnen wir mit Menschheit oder Menschlichkeit? Sind universelle Rechte wirklich umfassend anwendbar?
Carl Schmitt, ein deutscher Staatsrechtler aus der Zeit des Dritten Reiches, kritisierte Universalismus scharf und behauptete: “Wer von Menschheit spricht, will betrügen.” Er sah darin eine Heuchelei, die allgemeine Ansprüche im Namen eines vermeintlich überlegenen Standpunkts erhob. Schmitts Aussage enthüllt den polemischen Kern des Begriffs: Menschheit impliziert Rivalität und Konflikt.
Interessanterweise findet sich bei dem marxistischen Denker Jean-Paul Sartre, der im Vorwort zu Frantz Fanons Werk schrieb, eine ähnliche Kritik. Er warf den Europäern vor, Universalität nur für ihre Elite beansprucht und damit die Menschheit falsch interpretiert zu haben.
Diese Kritiken von Schmitt und Sartre weisen in politisch gegensätzliche Richtungen, teilen jedoch eine Skepsis gegenüber der Verbindlichkeit universeller Werte. Ihre Ansichten spiegeln eine tief verwurzelte Ablehnung des Universalitätskonzepts wider, die auf einer Abneigung gegen abstrakte Ideen fußt.
Was bedeutet es, etwas als “abstrakt” zu bezeichnen? Armin Mohler, ein Denker der Neuen Rechten in Deutschland, argumentierte, dass nur der Mensch in seiner konkreten Gemeinschaft wirklich existiert. Der Liberalismus, so Mohler, habe den Menschen aus seinen Wurzeln gerissen und zu einem abstrakten Individuum gemacht.
Diese Denkfigur findet sich auch bei anderen Denkern wie Alain de Benoist in Frankreich und Alexander Dugin in Russland. In Deutschland setzt Benedikt Kaiser, nahe der AfD stehend, die Kritik fort und behauptet, dass durch eine westliche “Westbindung” kulturelle Traditionen zerstört wurden.
Die Debatte wird aktuell vor dem Hintergrund von Identitäts- und Diversitätspolitik. Sowohl identitäre Rechte als auch die postkoloniale Linke hinterfragen den abstrakten Menschenbegriff, indem sie auf konkrete Identitäten setzen.
Die Zugehörigkeit zu einer Kultur kann für Individuen essenziell sein, wie das Beispiel von Erdogan zeigt: Er verurteilte Assimilation als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und forderte Türken in Deutschland auf, ihre kulturelle Identität zu bewahren.
Die Frage nach dem Schutz des Menschen wirft komplexe Probleme auf. Es stehen sich eine konkrete Perspektive der Kulturzugehörigkeit und eine abstrakte eines überkulturellen Konsenses gegenüber. Diskriminierung kann sowohl von außen als auch innerhalb einer Kultur erfolgen, etwa durch patriarchale Normen.
Carl Schmitt sah in der Macht über Begriffe wie “Mensch” einen Ausdruck wahrer Macht. Ist die Idee universeller Menschenrechte also nichts anderes als ein westlicher Hegemonialanspruch?
Die Debatte endet oft in einem logischen Fehler: Weil der Menschheitsbegriff europäisch ist und Europa kolonialistische Vergangenheit hat, werden Menschenrechte ebenfalls abgelehnt. Doch Abstraktion kann auch ein Mittel zur Emanzipation sein, das den Kern der menschlichen Würde betont.
Diese Diskussion gewinnt an Bedeutung, wenn Feinde des Abstrakten sich paradoxerweise für universelle Rechte aussprechen und auf konkrete, vorzivilisierte Zustände zurückwollen. Eduard Kaeser, ein Physiker, Philosoph und Publizist, hebt die Wichtigkeit der Abstraktion hervor, um universelle Rechte zu schützen.