Falls der Konflikt im Nahen Osten weiter andauert, könnte China bald mit einem Mangel an Erdöl zu kämpfen haben. Während seines Aufenthalts in Peking hat Russlands Aussenminister Sergei Lawrow zugesichert, dem Nachbarland unter die Arme zu greifen.
Seit Moskaus Eingreifen in der Ukraine vor über vier Jahren sind China und Russland enge Verbündete. Kurz nach Kriegsausbruch bekräftigten Chinas Führer Xi Jinping und der russische Präsident Wladimir Putin ihre «Freundschaft ohne Grenzen».
Diese Freundschaft ist nun von großem Wert für Russland, wie Lawrow betonte: «Russland kann zweifellos die durch den Konflikt im Nahen Osten in China entstandenen Versorgungsdefizite ausgleichen», so der Aussenminister am Mittwoch. Er bezog sich vor allem auf Erdöl und erwähnte auch Unterstützung für andere Länder, die mit Russland zusammenarbeiten möchten.
Lawrow war vom 22. bis 23. Juli in Peking und traf dort den chinesischen Aussenminister Wang Yi sowie Präsident Xi Jinping.
Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat China seine Erdöleinfuhren aus Russland stark erhöht, um dem sanktionierten Land zu helfen – ein indirekter Vorteil für die russische Kriegsführung.
Derzeit benötigt China mehr dringend benötigtes russisches Erdöl. Das Land bezieht rund die Hälfte seiner Öleinfuhren aus dem Nahen Osten; etwa 13 Prozent kommen aus Iran. Aufgrund der Blockade der Strasse von Hormuz sind diese Lieferungen unterbrochen.
China verfügt zwar über beachtliche Erdölreserven – Schätzungen zufolge rund 1,3 Milliarden Fass Anfang Jahr. Doch die Regierung bemüht sich um konstant hohe Reserven aus Gründen der nationalen Sicherheit und plant sogar deren Erweiterung.
Die Blockade hat jedoch zum Abschmelzen dieser Vorräte geführt, wobei täglich zwei bis drei Millionen Fass benötigt werden. Peking untersagte im März Raffinerien die Ausfuhr von Diesel und Kerosin, um den Verbrauch zu drosseln.
Lawrows Angebot kommt gelegen, da China sich wenig Sorgen über US-Sanktionen gegen russisches Öl macht, das teilweise durch sogenannte Schattenflotten transportiert wird.
Das Angebot Russlands an andere Länder Erdöl zu liefern, ist logisch; die Einnahmen könnten die wirtschaftlich angeschlagene Wirtschaft stabilisieren. Erste Analysten revidierten bereits ihre Wachstumsprognosen für Russland nach oben.
Aus chinesischer Sicht zeigt Lawrows Angebot eine geschickte Strategie, da Moskau und Peking seit langem Schwellen- und Entwicklungsländer an sich binden wollen. Dies ist Teil ihrer Bemühungen, der westlichen Wertegemeinschaft einen alternativen Rahmen entgegenzusetzen.
Bei dem Treffen mit Lawrow betonte Xi die Wichtigkeit der «Solidarität des globalen Südens» und hob die Bedeutung von Brics sowie der Shanghai Cooperation Organisation hervor, obwohl diese Formate bislang wenig zur Lösung internationaler Konflikte beigetragen haben.
Der Krieg im Nahen Osten bietet Russland und China jedoch die Möglichkeit, Sympathien in Schwellen- und Entwicklungsländern zu gewinnen. Wenn hohe Ölpreise sich auf Lebensmittelpreise auswirken, könnten Moskau und Peking betroffenen Ländern helfen – und sie geopolitisch einnehmen.