Die EU hat der Bundesregierung erlaubt, Grossverbraucher mit einem ermässigten Strompreis zu unterstützen. Diese Genehmigung könnte verhindern, dass die notwendige Diskussion über das deutsche Energiesystem stattfindet. Lange forderten Deutschlands Industrieunternehmen politische Unterstützung ein. Nun wird ihnen geholfen: Nach einer Beurteilung bezüglich der Beihilferegelungen erlaubte die EU-Kommission am Donnerstag, dass Grossverbraucher einen reduzierten Strompreis erhalten. Diese Maßnahme ist auf drei Jahre und 3,8 Milliarden Euro begrenzt. Finanzminister Lars Klingbeil betonte, dass die Regierung um jeden Arbeitsplatz kämpfe. Dies stellt jedoch eine schlechte Nachricht dar. Der gefeierte Industriestrompreis lenkt nur vom eigentlichen Problem ab: Das deutsche Energiesystem bleibt trotz der Deckelung der Kosten für einige Unternehmen teuer. Branchen mit hohen Energieanforderungen, wie Chemie-, Metall- und Zementindustrie, verloren stark an Wettbewerbsfähigkeit aufgrund hoher Energiepreise. Aktuell zahlen Firmen laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft durchschnittlich 16,7 Cent pro Kilowattstunde Strom. In anderen europäischen Staaten liegt dieser Preis bei etwa 10 Cent, in den USA und China ist er noch niedriger. Mit dem Industriestrompreis müssen Unternehmen für einen Teil ihres Stromverbrauchs nur noch 5 Cent pro Kilowattstunde zahlen, da sie die Differenz zum Einkaufspreis im Großhandel vom Staat zurückerhalten können. Obwohl dies kurzfristig die Lage verbessert, müssen Unternehmen gemäß EU-Vorgaben die Hälfte der erhaltenen Mittel in neue oder modernisierte Anlagen investieren. Subventionen sind jedoch keine Lösung für strukturelle Probleme. Die Energiekosten in Deutschland bleiben höher als in vielen anderen Ländern, auch wenn die Regierung diese für große Verbraucher nun verzerrt darstellt. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, muss Deutschland seine Energiesystemkosten senken. Dies erfordert einen Ausbau der Erneuerbaren auf marktwirtschaftlichen Prinzipien basierend, wie es Wirtschaftsministerin Katherina Reiche anstrebt. Zudem ist ein realistischerer Umgang mit Energiequellen wie Gas- oder Atomkraft notwendig. Der Industriestrompreis hat der Regierung Zeit verschafft. Unternehmen in energieintensiven Branchen werden kaum noch Kritik üben, da sie nun von Steuermilliarden profitieren – das Schrumpfen der deutschen Industrie scheint gestoppt, auch wenn die Kosten lediglich überdeckt werden. Wirtschaftsministerin Reiche hat erkannt, dass Energiekosten entscheidend sind für Deutschlands Industrie. In einem Gastbeitrag in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” schrieb sie, dass das Schicksal der Industrie an dieser Frage hänge. Ob die Koalitionspartner diese Einsicht teilen? Es besteht die Gefahr, dass insbesondere die Sozialdemokraten den Industriestrompreis als Rettungsanker für den deutschen Produktionsstandort sehen und sich grundlegenden Diskussionen verweigern. Die Probleme bleiben ungelöst. Die Union spielt dabei eine unrühmliche Rolle: Noch 2023 kritisierte die Partei Pläne des damaligen Wirtschaftsministers Robert Habeck, die Industrie mit tiefen Strompreisen zu unterstützen, als planwirtschaftlichen Irrweg. Nun verkauft ausgerechnet Wirtschaftsministerin Reiche sowie Kanzler Merz diese Strategie als industriepolitische Notwendigkeit – ein Risiko für die notwendige Debatte über die Grundlagen der deutschen Energiepolitik.