Das Vertrauen in die langfristige finanzielle Stabilität vieler Nationen schwindet, angetrieben durch Krieg, Inflation und hohe Defizite. Die Finanzmärkte scheinen zwei unterschiedliche Realitäten zu erleben: Auf der einen Seite herrscht bei den Aktien eine positive Grundstimmung mit Rekordnotierungen aufgrund starker Quartalsberichte amerikanischer Technologiefirmen. Doch in der Welt der Staatsanleihen zeichnet sich ein düsteres Bild ab.
Investoren weltweit verkaufen zunehmend ihre Staatspapiere, was zu einem starken Preisverfall und einer erhöhten Renditenachfrage führt. Finanzministerien müssen daher höhere Zinsen bieten, um sich am Kapitalmarkt zu finanzieren. Dies zeigt sich besonders bei Anleihen mit langer Laufzeit: Die Rendite für US-Staatsanleihen über 30 Jahre überschritt zuletzt die Marke von 5 Prozent, den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2007.
Das Vertrauen in die Kreditwürdigkeit schwindet nicht nur in den USA. In Großbritannien stieg die Rendite für ähnliche Anleihen auf über 5,8 Prozent – den höchsten Wert seit 1998. Japanische Papiere mit derselben Laufzeit erreichten sogar ein Allzeithoch von mehr als 4 Prozent. Auch in Frankreich beobachtet man Renditeniveaus, die zuletzt während der Finanzkrise zu sehen waren.
René Hermann vom Analysehaus Independent Credit View führt diese Entwicklungen auf den Nahostkonflikt und steigende Energiepreise zurück, die höhere Inflationserwartungen nach sich ziehen. Dies impliziert möglicherweise eine längere Phase hoher Leitzinsen durch Zentralbanken. Höhere Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten vor dem Hintergrund bereits bestehender hoher Defizite und Schuldenquoten über 100 Prozent des BIP.
Zusätzlich steigende Rüstungs- und Energiekosten durch Regierungsmaßnahmen zur Abfederung der Auswirkungen auf Unternehmen und Haushalte verschärfen die finanziellen Defizite. Während einst das Motto “lower for longer” galt, hat sich laut Hermann nun die Situation grundlegend geändert: Inflation treibt Zinsen hoch, während gleichzeitig Militär- und Energiesektoren zusätzlich belastet werden.
An den Anleihemärkten wächst die Skepsis. Investoren fordern höhere Risikoprämien für Staaten mit schnell wachsenden Schulden im Vergleich zum Wirtschaftswachstum. Die zuvor verharmloste Reformunfähigkeit Frankreichs, politische Instabilität in Großbritannien oder hohe Defizite in den USA werden nun kritischer betrachtet.
Ein Wendepunkt war die Veröffentlichung der US-Inflationsdaten: Die Teuerungsrate stieg im April auf 3,8 Prozent – den höchsten Wert seit drei Jahren. Der Konflikt im Nahen Osten und steigende Energiepreise waren hierbei ausschlaggebend.
Karsten Junius von der Bank J. Safra Sarasin erklärt, dass die anfängliche Annahme einer temporären Lage durch den Iran-Krieg revidiert wird. Der Index für globale Lieferkettenprobleme zeigt zudem eine Verschärfung dieser Engpässe über Erdöl hinaus.
Für hochverschuldete Staaten bietet Inflation traditionell die Möglichkeit, Schulden zu minimieren. Doch Anleger verlangen nun eine höhere Risikoprämie dafür. René Hermann sieht darin einen positiven Aspekt: Die Risiken hoher Staatsschulden werden realistischer bewertet.
Die Diskrepanz zwischen schwächelnden Anleihemärkten und euphorischen Aktienmärkten erläutert Hermann damit, dass der Kreditmarkt oft den Aktienmarkt vorwegnimmt. Während Aktien von Instinkten angetrieben werden, berücksichtigen Anleiheinvestoren eher fundamentale Daten. Trotzdem besteht eine Verbindung: Steigende Anleihenrenditen beeinflussen auch Hypotheken- und Konsumkredite sowie die Investitionskosten für Unternehmen – ein Faktor, der den Aktienmarkt bedroht.