Der Musikpädagoge Roman Walker beleuchtet die Rolle der Alpen in den Schweizer Volksliedern. Er erklärt, dass die übersteigerte Darstellung der Berge als Sehnsuchtsort durchaus gerechtfertigt sei. Die geografische und kulturelle Bedeutung der Alpen prägt das Land nachhaltig; das Matterhorn ist ein nationales Symbol, während Orte wie Titlis oder Jungfraujoch Touristen anziehen. Historisch garantierte das Alpen-Reduit im Zweiten Weltkrieg Schutz. Die romantische Idealisierung der Berge reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück, als Albrecht von Haller mit seinem Gedicht „Die Alpen“ die Sehnsucht nach einem einfachen Leben weckte.
Walker beschreibt diese sogenannte Alpen-Euphorie auch im Schweizer Volkslied des 19. Jahrhunderts und vergleicht deren gesellschaftliche Bedeutung mit heutigen nationalen Ereignissen wie der Fußball-Weltmeisterschaft. Bekannte Lieder wie das „Guggisberglied“ oder „Le vieux chalet“ spiegeln die Verbindung zur Landschaft wider, während Walker betont, dass es in einem rohstoffarmen Binnenland wenig andere Themen für Volkslieder gibt.
Die moderne Schweiz, als Willensnation geprägt, fand im Berg eine gemeinsame Identität. Walker weist darauf hin, dass kritische Themen wie Armut oder Industrialisierung in den Liedern vermieden werden und die Darstellung der Alpen oft durch städtisches Bildungsbürgertum aus Zürich und Bern geprägt ist.
Die Idealvorstellung der unberührten Alpen wurde kultiviert, um als Gegenpol zur Stadtentwicklung zu dienen. Walker bemerkt den Bedeutungsverlust des Volkslieds durch Massenmedien wie das Radio. Dennoch erlebt die Alpen-Thematik in der Musik eine Wiederbelebung.
Selbst kritische Lieder über die Berge finden wenig Anklang, da Idylle besonders in unsicheren Zeiten verkaufsfördernd ist und als geistige Zuflucht dient. Walker sieht das idyllische Bild der Alpen aus den Volksliedern als inneren Rückzugsort für heutige Herausforderungen.
Roman Walker, „Die Alpen im Lied der Schweiz“, Zytglogge-Verlag 2026, 368 S., 38 Franken.