Ein wegweisendes Urteil des Geschworenengerichts von Los Angeles hat weitreichende Konsequenzen für das Silicon Valley und dessen Modell der Aufmerksamkeitsökonomie zur Folge. Am Mittwoch wurde Google und Meta die Zahlung eines Schadenersatzes in Höhe von sechs Millionen Dollar an eine 20-jährige Frau auferlegt. Die Klägerin führt ihre langanhaltenden Angstzustände, Essstörungen und Selbstmordgedanken auf eine Sucht nach Instagram und Youtube zurück. Diese Plattformen gelang es nicht, sie loszuwerden, was zu schwerwiegenden psychischen Problemen führte. Die betroffenen Unternehmen legten Berufung ein, da das Urteil einen Präzedenzfall darstellen könnte und viele weitere Gerichtsverfahren nach sich ziehen könnte. Meta, Google sowie Snap und Tiktok sehen sich zahlreichen Klagen gegenüber: Neben direkten Nutzern wenden sich auch amerikanische Gliedstaaten und Schulbezirke an die Justiz. Sie behaupten, dass Social-Media-Plattformen Schüler schädigen und den Lehrkräften das Unterrichten erschweren. Im Mittelpunkt des Urteils steht nicht der Inhalt auf Social Media. Anders als in Europa sind Amerikaner offener im Umgang mit Fake News oder Hassrede, da die Redefreiheit in den USA höher gewichtet wird. Vielmehr rückt das Produktdesign ins Zentrum: Die Algorithmen von Instagram und Youtube sind darauf ausgelegt, die Verweildauer auf ihren Plattformen zu maximieren. Dazu tragen kontinuierliche Push-Nachrichten oder automatische Wiedergaben bei. Öffentlich zugänglich gemachte interne Dokumente deuten darauf hin, dass diese Unternehmen bewusst Produkte mit Suchtcharakter entwickelt haben und um deren schädlichen Effekt auf Kinder wissen. Die Argumentation, Nutzer sollten sich selbst verantworten, wird kritisch gesehen. Vergleiche zu den Prozessen gegen die Tabakindustrie werden gezogen, obwohl der Nachweis von Ursache und Wirkung schwieriger ist als bei Zigarettenkonsum und Krebserkrankungen. Dieses Urteil trifft das Silicon Valley im Kern und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Tech-Konzerne ihre App-Funktionen ändern müssen – sei es durch gerichtliche Anordnungen oder gesetzlichen Druck. Eltern beider Parteien sind besorgt über den Einfluss von Big-Techs Psychotricks auf ihre Kinder. Die Anpassung des Geschäftsmodells ist schmerzhafter als die Zahlung einer Geldstrafe, die viele Firmen lediglich als „Kosten der Geschäftstätigkeit“ betrachten. Es beeinträchtigt nicht nur die Gewinne in Social Media, sondern auch bei verwandten Produkten wie KI-Chatbots. Diese sind darauf ausgelegt, Gespräche zu verlängern und Nutzer zu weiterem Interagieren anzuregen. Open AI hat bereits Werbung in manchen Abo-Typen von Chat-GPT eingeführt, was zeigt, dass das Modell der Aufmerksamkeitsökonomie auch auf KI-Chatbots ausgeweitet wird. Juristisch liegt es nahe, daraus einen Haftungsanspruch für emotionale Abhängigkeiten abzuleiten. Für die Tech-Industrie könnte dieses Urteil eine Gelegenheit sein, den Nutzen ihrer Produkte zu maximieren und nicht nur die Verweildauer, um einem möglichen Backlash gegen KI entgegenzuwirken.