Angesichts verstärkter russischer Angriffe vertiefen Berlin und Kiew ihre Zusammenarbeit in den Bereichen Luftverteidigung, Industrie und Technologie. Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski besuchte am Dienstag Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin, was die erste Regierungskonsultation zwischen Deutschland und der Ukraine seit 2004 markierte. Während dieses Treffens unterzeichneten beide Seiten Vereinbarungen zur militärischen und wirtschaftlichen Kooperation, mit einem besonderen Fokus auf militärische Aspekte.
Der ukrainische Verteidigungsminister Michailo Fedorow sowie der deutsche Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius schlossen ein Abkommen über die Übermittlung und Nutzung digitaler Gefechtsdaten aus der Ukraine ab, das bereits im Dezember in Grundzügen festgelegt wurde. Diese Daten ermöglichen es, russische und ukrainische Kriegstaktiken besser zu verstehen und helfen der Bundeswehr bei der Anpassung an neue Kampfmethoden.
Zusätzlich wird Kiew Berlin Einblicke in den Einsatz deutscher Rüstungstechnologien geben. Ziel ist es, die Waffensysteme beider Länder weiterzuentwickeln und anzupassen. Die Ukraine verfügt über wertvolle Informationen aus vier Jahren Konflikt, darunter systematisch erfasste Einsatzdaten und Millionen Stunden Drohnenaufnahmen.
Diese Daten haben den ukrainischen Streitkräften bereits geholfen, russische Kamikazedrohnenangriffe zu neutralisieren. Im März konnten die Ukrainern fast 90 Prozent der etwa 6500 abgefeuerten Drohnen abschießen – eine deutliche Verbesserung gegenüber Oktober des Vorjahres.
Ein technischer Vorsprung Kiews bei Abfangdrohnen, unterstützt auch durch deutsche Technologie, trägt zu diesem Erfolg bei. Im März beauftragte Berlin Quantum Systems mit der Lieferung von 15.000 Drohnen des Typs «Strila». Diese kostengünstigen Abfangdrohnen sollen russische Kamikazedrohnen effektiv neutralisieren.
Darüber hinaus gründeten die deutschen Drohnenhersteller Wingcopter und das ukrainische Unternehmen TAF Industries ein Gemeinschaftsunternehmen, um Produktionsrisiken zu minimieren. Hensoldt eröffnete zudem in der Ukraine ein Service- und Innovationszentrum.
Die Expertise der ukrainischen Armee im Bereich Drohnenkriegsführung ist international gefragt, wie die Entsendung von Spezialisten in die Golfstaaten zeigt. Auch an Bodenoperationen arbeiten die Ukrainer weiter: Bodendrohnen versorgen verletzte Soldaten und entwickeln Angriffsdrohnen.
In Kostjantiniwka verschärft sich der Konflikt, da russische Streitkräfte die Stadt seit 30 Tagen bombardieren. Die ukrainischen Drohnentaktiken hatten zuvor eine regelrechte Todeszone für Angreifer geschaffen.
Politisch versicherte Kanzler Merz Selenski die weitere Unterstützung Deutschlands auf dem Weg in die EU, betonte jedoch, dass ein Beitritt nicht kurzfristig möglich sei. Die Bundesregierung fordert weiterhin Reformen in Bereichen wie Korruptionsbekämpfung und Rechtsstaatlichkeit.