Gian Lorenzo Cornado wurde vor zwei Monaten aus Protest gegen die walliser Ermittlungen zur Brandkatastrophe abgezogen. Ein nun bevorstehender Besuch der römischen Staatsanwaltschaft in Sitten könnte entscheidende Entwicklungen bringen.
Hat Giorgia Meloni im Konflikt mit der Schweiz zu viel Risiko eingegangen? Wird Italiens Regierungschefin bald den Botschafter nach Bern zurücksenden, obwohl ihre Hauptforderung in den Ermittlungen zur Brandkatastrophe von Crans-Montana nicht erfüllt wird? Oder droht der diplomatische Streit zwischen Italien und der Schweiz zu einer ernsten Krise auszuarten?
Die Antworten könnten bald Klarheit bringen. In dieser Woche fand in Wallis ein bedeutendes Treffen statt, bei dem die Staatsanwaltschaft Roms – aufgrund italienischer Opfer aktiv ermittelt – und jene des Wallis zwei Tage lang ihre Ermittlungen austauschten. Ein vorheriges Treffen im Februar in Bern diente lediglich dazu, die Zusammenarbeit zu definieren.
Obwohl am Freitag nur wenige Informationen über das Gespräch an die Öffentlichkeit drangen, lassen diese darauf schließen, dass die Kooperation kompliziert werden dürfte und Italiens Wunsch nach einer gemeinsamen Ermittlungsgruppe vermutlich nicht erfüllt wird.
Die römischen Staatsanwälte haben am Mittwoch und Donnerstag alle gut 3500 Seiten der Akten studiert, wie Ansa meldete. Sie durften jedoch keine Kopien anfertigen, da Beatrice Pilloud, die Walliser Generalstaatsanwältin, dies gegenüber SDA erläuterte. Stattdessen müssen sie für jedes interessierende Dokument dessen Herausgabe bei der walliser Behörde beantragen.
Zudem ist es erforderlich, dass die Walliser Staatsanwaltschaft laut Pilloud jede in den Dokumenten genannte Person um Erlaubnis zur Herausgabe bittet. Italien will nach Angaben von Ansa etwa 1000 Seiten, nahezu ein Drittel der gesamten Akten. Dies dürfte fast alle relevanten Ermittlungsdokumente umfassen, da ein Großteil der restlichen Seiten lediglich prozeduralen Schriftverkehr enthält.
Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Italiener auf diesem Weg das erreichen, was sie möchten. Die bisher neun Beschuldigten werden wahrscheinlich nicht zustimmen, Dokumente herauszugeben, in denen sie genannt werden, womit Rom wichtige Unterlagen, etwa Protokolle von Einvernahmen mit Jacques Moretti und seiner Frau Jessica, Betreiber des Unglückslokals «Le Constellation», verwehrt bleiben könnten.
Die Walliser Staatsanwaltschaft soll zugesagt haben, das Bundesamt für Justiz einzuschalten, um den komplizierten Prozess zu beschleunigen. Die Behörde selbst antwortete nicht auf eine Anfrage der NZZ und verwies lediglich darauf, dass sie nur per Mitteilung kommuniziere.
Ende Januar hatte Giorgia Melonis Regierung ihren Botschafter Gian Lorenzo Cornado aus Bern zurückbeordert, um gegen die walliser Justiz zu protestieren, insbesondere wegen der Freilassung von Jacques Moretti. Rom machte Cornados Rückkehr zur Bedingung, dass eine binationalen Ermittlungsgruppe eingerichtet wird.
Eine solche Gruppe entstand jedoch nicht. Laut schweizerischen Informationen hat Italien nie einen entsprechenden Antrag gestellt; laut italienischen Angaben aus Mangel an Aussicht auf Erfolg. Sicher ist, dass die Zusammenarbeit in einer binationalen Ermittlungsgruppe viel weniger bürokratisch wäre als in der aktuellen «verstärkten Zusammenarbeit».
Italiens Botschaft in Bern antwortete nicht auf eine Anfrage der NZZ. Das Aussenministerium in Rom teilte jedoch mit, dass das Treffen im Wallis positiv verlaufen sei.