Der Augenblick, wenn man das Hotelzimmer zum ersten Mal betritt und sich daran erfreut, dass für die nächsten Tage keine Verpflichtungen anstehen, ist oft der Höhepunkt jeder Reise. Kochen, Putzen? Das übernehmen andere. Nun kann man einfach leben. Warum sollte es nicht immer so sein?
Es gibt Menschen, die genau dies tun oder getan haben: Sie verbringen Jahre, ja sogar Jahrzehnte im Hotel. Dazu zählen prominente Kulturschaffende wie Udo Lindenberg, der seit 1995 im Hamburger Atlantic-Hotel lebt. Sein Zimmer, das er liebevoll als «Panikzentrale» bezeichnet, wird bald im rock’n’popmuseum in Gronau, seiner Geburtsstadt, ausgestellt.
Dauergäste schätzen den Service, wie Udo Lindenberg einst bemerkte: «Wenn Bach den Kehricht hätte hinunterbringen müssen, wären weniger Kantaten von ihm erschienen.» Das Hotelpersonal sorgt für das Grobe, und die Gäste können sich anderen Dingen widmen.
Die Ausstellung «Udo L. wohnt im Hotel – Exklusive Einblicke in meine Panikzentrale» zeigt einen detailgetreuen Nachbau von Udo Lindenbergs Zimmer Nummer 570 im Atlantic-Hotel, sein Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten. Sie ist vom Juni 2026 bis Ende des Jahres im rock’n’popmuseum zu sehen.
Dauergäste finden sich sowohl in Luxushotels als auch in einfachen Einrichtungen wieder, wo Staubsaugen schon ein Luxus erscheint. In letzterer Kategorie findet man oft diejenigen mit wenig Geld oder solche, die den rohen Charme des Rock’n’Roll schätzen.
Das Chelsea Hotel in New York ist bekannt für seine Liste von Langzeitgästen aus der US-amerikanischen Undergroundkultur: Patti Smith, Charles Bukowski, William S. Burroughs und Jackson Pollock waren hier zu Hause. Der walisische Dichter Dylan Thomas starb im Chelsea-Hotel.
Oscar Wilde verstarb am 30. November 1900 im Pariser Hotel d’Alsace, damals keine elegante Adresse. Wilde war nach seiner Verurteilung wegen homosexueller Beziehungen gesellschaftlich isoliert. Heute ist von den einst hässlichen Tapeten kaum noch etwas zu sehen.
Hans Ulrich Obrist machte aus seinem Aufenthalt in einem bescheidenen Pariser Hotel eine Erfolgsgeschichte: In einem Dachzimmer des Carlton Palace begann er, Ausstellungen zu veranstalten, ohne die Hotelleitung zu informieren. Das Chateau Marmont in Hollywood hatte einst einen zweifelhaften Ruf; Prominenz wie Regisseur Billy Wilder und Schauspieler Keanu Reeves blieben gern länger.
John Bonham von Led Zeppelin durchquerte die Lobby auf einer Harley-Davidson. Nach umfassender Renovierung erhielt das Chateau Marmont Top-Bewertungen für Sauberkeit auf Booking.com.
Sauberkeit im Luxussegment ist selbstverständlich, wie Mode-Ikone Coco Chanel zeigte: Über 30 Jahre lebte sie im Ritz Paris, um ihren Aufstieg als Frau zu demonstrieren.
Die Gründe für ein dauerhaftes Leben in Hotels sind vielfältig. Wie Marion Löhndorf in ihrem Buch «Leben im Hotel» schreibt, können Neugier auf das Leben anderer Gäste oder die Angst vor Einsamkeit und Entfremdung dazu führen.
Für Hans Ulrich Obrist war das Hotelleben eine Erfüllung eines Traumes. Er genoss die Notwendigkeit, mit wenigen Dingen zu leben: «Die Notwendigkeit, sich auf leichtes Gepäck zu beschränken, sorgt für Freiheit», schreibt er in seiner Autobiografie.
Vladimir Nabokov lebte 16 Jahre im Montreux Palace. Der Schauspieler Peter Ustinov erinnerte sich an die Atmosphäre des Hotels und wie sie Nabokovs Gefühl von Heimatlosigkeit widerspiegelte.
Heute suchen Gäste in Hotels einen ruhigen, inspirierenden Ort zum Arbeiten. Sie reisen mit dem Laptop statt Erinnerungsstücken und bleiben oft nur wenige Wochen oder Monate.
Nathalie Seiler-Hayez, Managerin des Verbandes Swiss Deluxe Hotels, sieht im Leben im Luxushotel einen Trend: «Der Wunsch nach Einfachheit ist zentral», sagt sie. Viele vermeiden den Kauf einer Zweitresidenz und die damit verbundenen Pflichten.
Nicht nur Kreative schätzen diese Wohnform, da sich viele Hotels auf Langzeitgäste einstellen und kleine Apartments mit Kitchenette und gutem WLAN anbieten. Dies bietet Komfort, ist aber teuer.