Ein Zug ist kein idealer Ort für Fußballspiele. Aufgrund ständiger Ruckler und enger Platzverhältnisse bleibt Artem, einem Elfjährigen aus Dnipro im Südosten der Ukraine, nichts anderes übrig, als mit seiner Schwester durch die Gänge zu spielen. Die Reise in den polnischen Grenzbahnhof Przemysl dauert sechzehn Stunden, und das Spiel wird zur Ablenkung von der Langeweile. Artems Mutter Marina Nisirenko berichtet, wie chaotisch ihr letzter Bahnhofsbesuch verlief: Der Koffer ist zerbrochen, ein Taxi kam zu spät. Nach dem Kriegsausbruch floh sie mit den Kindern nach Tschechien, kehrte aber zurück, als ihr Mann schwer verwundet wurde und die Beziehung endete.
Nun will Nisirenko zum zweiten Mal ins Ausland: Sie reist nach Italien zu einem Freund. Die Strapazen der Reise belasten sie stark, doch trotz allem ist die Aussicht auf Erholung ein Lichtblick. Auf dem Weg zur Grenze spielt ihre Tochter Ewa mit Artems Ballspielzeug und wird schließlich durch einen Zeichentrickfilm abgelenkt.
In der Ukraine hat sich die Eisenbahn zu einem unverzichtbaren Verkehrsmittel entwickelt, seit Russlands Angriff am 24. Februar 2022 das Ende der zivilen Luftfahrt markierte. Viele Menschen sind darauf angewiesen: Ferienreisende, Geschäftsleute und Soldaten nutzen die Züge. Die Eisenbahn ist auch für ausländische Besucher von Bedeutung.
Die Bahn spielt eine entscheidende Rolle in der Kriegslogistik, indem sie Truppen und Material verschiebt. Sie wird zu einem Symbol des Widerstands und nationalen Stolzes. An Bahnhöfen verkauft die Gesellschaft Ukrsalisnizja T-Shirts und Postkarten mit Eisenbahnmotiven.
Einige dieser Produkte haben Kultstatus, etwa ein T-Shirt mit Fahrplanangaben zur Rückeroberung besetzter Städte. Die Bahn hält das Land auch in schwierigen Zeiten zusammen.
Im Winter wurde die Stadt Fastiw bei einem Drohnenangriff getroffen, doch dank schneller Reparaturarbeiten konnte der Betrieb rasch wieder aufgenommen werden. Petro, ein Elektrotechniker, hilft beim Wiederaufbau und findet immer etwas Brauchbares aus den Trümmern.
Die Angriffe zielen nicht nur auf die Infrastruktur ab, sondern auch auf deren symbolische Bedeutung. Der Bahnhof von Fastiw ist historisch bedeutsam für die ukrainische Unabhängigkeit. Die Eisenbahn wird landesweit angegriffen, besonders im ostukrainischen Frontgebiet.
In der Stadt Losowa wurde der alte Bahnhof beschossen; früher kreuzten sich dort wichtige Zugstrecken. Seit dem Kriegsende verkehren weniger Züge: Statt 32 pro Tag sind es nur noch acht. Die Bahnhofsvorsteherin Nina Sabela beaufsichtigt den Betrieb, auch wenn die Sicherheitslage sich verschlechtert hat und viele Regionen nicht mehr angefahren werden.
In Losowa wird der «Bahnhof der Liebenden» nachgeahmt; Soldaten verabschieden sich von ihren Familien. Die Eisenbahn erlebt im Krieg eine ambivalente Zeit: Sie ist sowohl Symbol des Widerstands als auch Opfer von Angriffen.