Jens Spahn möchte nicht als “queer” bezeichnet werden, sondern als schwuler Mann. Die starke Reaktion aus linken Kreisen offenbart eine Verschiebung: Selbstbestimmungsansprüche gelten nicht immer dort, wo sie am stärksten verteidigt werden. Der vorliegende Text ist Teil des Newsletters “Der andere Blick am Abend”, heute verfasst von Florian Eder, Chefredaktor der NZZ Deutschland. Den Newsletter abonnieren? Kostenlos möglich. Nicht in Deutschland ansässig? Hier können Sie profitieren. In progressiven Kreisen ist es Konsens, dass jeder selbst entscheiden sollte, wer er ist und wie man ihn nennt. Die Irritation, die entsteht, wenn jemand diesem Grundsatz folgt und sich einer gängigen Zuschreibung verweigert, wirft ein aufschlussreiches Licht. Ausgelöst wurde die jüngste Debatte durch einen Satz von Jens Spahn. Der Unionsfraktionsvorsitzende im Bundestag möchte lieber als schwuler Mann bezeichnet werden. Was manche für eine Nuance halten könnten, löst bei den Vertretern der identitätspolitisch linken Seite heftige Empörung aus. Diese Debatte lässt sich nicht von Spahns Person trennen. Als schwuler und konservativer Politiker steht er vielen entgegen – sowohl rechts als auch links geltenden Erwartungen. In einem Artikel im Fachmagazin “queer.de” wird seine Haltung als eine geschickte Trennung von privatem und politischem Selbst beschrieben, ähnlich einer innerpolitischen Koalitionsvereinbarung. Der Begriff «queer» hat sich zu mehr entwickelt als nur eine Beschreibung. Er dient als politische Sammelbezeichnung für unterschiedliche Erfahrungen und Identitäten, die zugleich gedeutet werden sollen. Dieses Angebot wird von vielen angenommen, während es anderen als Erwartung erscheint. Hier beginnt das Dilemma: Die Freiheit der Selbstbestimmung umfasst auch die Möglichkeit, sich nicht politisch vereinnahmen zu lassen. Wer sich einer Kategorie entzieht, widerspricht ihrem Anliegen nicht unbedingt, sondern beansprucht lediglich für sich selbst zu sprechen. Solche Individualität stößt auf Skepsis bei denen, die das Benennen offensichtlicher Unterschiede als “queer-feindlich” brandmarken. Die Entfremdung ist nicht einseitig. Jüngere, politisch aktivere Gruppen sehen schwule Männer oft lediglich als – Männer und damit kaum zugehörig zu einer Bewegung, die sich gegen Geschlechterordnungen richtet. Umgekehrt entstand die Schwulenbewegung aus konkreter Diskriminierungserfahrung und nicht als abstrakter Sammelbegriff. Ihr Kampf um Gleichberechtigung formte ein Selbstverständnis, das mit breiteren Identitätskonzepten nicht immer übereinstimmt. Die Schwulenbewegung hat ihre zentralen Rechte errungen und sieht den Anspruch, sich ständig neuen Kategorien zu unterwerfen, oft als Rückschritt an. In der Vergangenheit war die Emanzipation geprägt von Abgrenzung und dem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung. Diejenigen, die damals für Rechte kämpften, erleben heute manche Debatten mit Fremdheit – nicht aus Ablehnung des Fortschritts, sondern weil sich die Begriffe, unter denen dieser verhandelt wird, verschoben haben. Was die einen als Freiheitsausdruck sehen – sei es individuell oder generationell erlangt – erscheint anderen als neue Form der Einordnung. Zwischen diesen Ansichten besteht keine einfache Hierarchie; die Spannung lässt sich nicht einfach auflösen. In den letzten Jahren wurde viel unternommen, um Identität von äußeren Zuschreibungen zu befreien. Dass Menschen selbst definieren können, wer sie sind, gilt als Fortschritt. Dennoch zeigt die Reaktion auf Spahn, wie aus Offenheit sozialer Druck entsteht, sich doch bitte einzuordnen. Etwas, was in progressiven Milieus besonders betont wird, berührt einen Kern liberaler Gesellschaften: die Frage, ob Identität selbstbestimmt oder von außen definiert werden sollte. Spahns Aussage wirkt vor diesem Hintergrund wie eine Selbstverständlichkeit. Dass sie es nicht mehr ist, offenbart mehr über die Debatte als über ihn.