Nach mehreren tödlichen Lawinenunfällen im Winter wird Kritik an den Betroffenen laut. Doch wer in Eigenverantwortung Grenzen testet, folgt einem urmenschlichen Impuls und minimiert das Risiko des seelischen Verhungerns.
In diesem Winter erlebten zwei Sportler unterschiedliche Schicksale: Einer überlebte, ein anderer verstarb. Ueli Kestenholz, ein bekannter Snowboardpionier und Olympiabronze-Gewinner, fiel einer Lawine zum Opfer. Er entschied sich bei großer Gefahr in einen steilen Hang zu fahren, obwohl ein Experte darauf hinweist, dass solche Entscheidungen nur vor Ort richtig eingeschätzt werden können. Kestenholz war sicherlich mit den nötigen Kenntnissen ausgestattet.
Im März zog sich Niels Hintermann, ein Weltcup-Sieger und Überlebender von Lymphdrüsenkrebs, vom Skisport zurück. Er litt unter Panikattacken und verließ das Startgelände in Garmisch rückwärts. Seine ehrliche Reflexion über seine Entscheidung spiegelte die persönliche Natur solcher Risikoentscheidungen wider.
Die öffentliche Meinung tendiert dazu, Hintermanns Rückzug als klug und Kestenholz’ Handeln als unvernünftig zu bewerten. Die Gesellschaft hat ein anderes Verständnis von akzeptablen Risiken als ausgebildete Sportler, deren Entscheidungen oft hochindividuell sind.
Netflix zeigte Alex Honnolds beeindruckendes Solo-Klettern des Taipeh 101 live und demonstrierte die unterschiedlichen Perspektiven auf das Risiko. Während Zuschauer ein potenziell tödliches Abenteuer erlebten, war es für den Profi ein lukrativer Spaziergang.
Extremsportler streben nach herausragenden Leistungen und nicht nach dem Tod; sie minimieren das Risiko durch Können. Die Gesellschaft hat zunehmend Angst vor Risiken, obwohl tägliche Aktivitäten wie Autofahren gefährlich sind. In der Schweiz bleiben die absoluten Zahlen von Lawinentoten stabil.
Bernhard Russi versuchte, den Tod als Naturereignis zu erklären, doch oft liegt die Schuld bei menschlichen Entscheidungen. Die Formel 1 zeigt, dass Sicherheitsbestimmungen das Risiko verringern können, ohne Attraktivität einzubüßen.
Ähnliche Entwicklungen gab es im alpinen Skisport und Radfahren. Nach dem Unfalltod einer jungen Fahrerin wurden GPS-Tracking-Systeme eingeführt, um schnelle Hilfe zu ermöglichen.
Extreme Leistungen beinhalten oft das Risiko, was die Zuschauer fasziniert. In der Freerider-Szene ist es noch immer tabu, über Lawinenereignisse zu sprechen, obwohl in der Ausbildung auf Risikoverhalten Wert gelegt wird.
Risiken sind im Alltag nicht vollständig eliminierbar und sollten es auch nicht sein. Sie bieten emotionale Werte wie Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortung. Es geht darum, das Leben intensiv zu erfahren – ein Lohn der Angst, die den Tod nicht verherrlicht, sondern das Leben schätzt.