Trotz des Rufes nach staatlichem Schutz steht die Schweizer Weinbranche vor Herausforderungen, da der Absatz sinkt und sich ein Markt wandelt. Doch es gibt Grund zur Hoffnung: Profil, Qualität und Kundennähe sind gefragt. Die Begriffe «Weinkrise» und «Abwärtstrend» erzählen nur die halbe Geschichte. Der Weinjahresbericht des Bundesamts für Landwirtschaft zeigt auf 35 Seiten, dass Schweizer Wein in einer Zeit sinkender Trinklust an Boden gewinnt: von 77,4 Millionen Litern im Jahr 2024 auf 79,2 Millionen Liter im Jahr 2025. Eingeführte Weine hingegen verlieren Marktanteile.
Besonders bei Rotweinen aus der Schweiz stieg der Absatz um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und der Marktanteil von Schweizer Wein erhöhte sich auf 37,5 Prozent. Diese Entwicklung lässt sich auf drei Faktoren zurückführen: die bewusste Entscheidung für Regionalität, die Früchte der Qualitätsoffensive und die gezielte Auswahl durch Konsumenten, wobei Herkunft und Wiedererkennbarkeit an Bedeutung gewinnen.
Obwohl sich der Pro-Kopf-Weinkonsum seit den 1970er Jahren halbiert hat, bleibt die Schweiz im internationalen Vergleich führend. In den 1960ern und 1970ern war Wein ein Indikator für Wohlstand; heute ist er Teil einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Entwicklung. Der Konsumschwund ist nicht nur ein Phänomen der jüngeren Generation, sondern spiegelt einen generationenübergreifenden Wandel wider.
Historisch gesehen wurde die Weinbranche lange durch politische Schutzmassnahmen unterstützt, was zu einer Überproduktion in den 1980ern führte. Die Einführung der AOC durch Genf im Jahr 1988 markierte einen Wendepunkt hin zur Qualitätsorientierung.
Schutzmassnahmen allein lösen keine strukturellen Probleme und können träge Strukturen konservieren, die später schwierig anzupassen sind. Auch soziale Faktoren wie das Verschwinden des Mittagessens und der Anstieg von Einpersonenhaushalten beeinflussen den Weinmarkt.
Die Diskussion um alkoholfreie Weine zeigt, dass sich nicht nur die Technologie, sondern auch philosophische Fragen zu Grundsatzthemen entwickeln. Während für Gin klare Regulierungen existieren, bleibt der Umgang mit «Wein» flexibler.
Die Branche steht vor der Frage, welchen Stellenwert Wein in der Zukunft haben soll: als Kulturgut oder rein landwirtschaftliches Produkt. Die aktuellen Zahlen sind Anlass zur Besonnenheit und nicht zur Panik – die Schweiz setzt weiterhin auf Qualität. Mit einem Marktanteil von 40 Prozent könnte das auch im Weinbereich gelingen.