Nach dem Triumph mit «Baby Reindeer» kehrt Richard Gadd, der Schöpfer, mit einem noch intensiveren und unverblümteren Werk zurück. In seiner neuen Serie «Half Man» schildert er die verstörende Beziehung zweier Männer, geprägt von Gewalt, Abhängigkeit und Verlangen.
Die erste Frage der Serie lautet: «Was bin ich?». Diese stellt Ruben Pallister (Richard Gadd), ein muskulöser, tätowierter Mann mit unberechenbarem Wesen, der gerade seinen Jugendfreund Niall (Jamie Bell) in den Schwitzkasten nimmt. Der schmächtigere und frisch verheiratete Kumpel soll die Antwort kennen. Die beiden sind seit der Schulzeit unzertrennlich verbunden: zwei Hälften eines zerrissenen Ganzen, ähnlich Abel und Kain oder Dr. Jekyll und Mr. Hyde.
Ruben und Niall sind jedoch nicht blutsverwandt. Ihre Beziehung basiert auf einer prekären Mischung aus Angstschweiss, Wut, Abhängigkeit und Unterdrückung – ein Thema, das im Kontext toxischer Machtverhältnisse zwar allgegenwärtig scheint, doch in der Serie eine ehrliche Auseinandersetzung mit Unsicherheiten über die heutige männliche Identität findet.
Durch Rückblenden, die einen Großteil der sechs Episoden ausmachen, erzählt die Serie von den drei Jahrzehnten des Auf und Abs in ihrer Beziehung. Ohne Vater aufwachsend teilen sie ein Zimmer im lesbischen Haushalt ihrer beiden Mütter in den 1980er Jahren in Glasgow. Ruben ist der Stärkere und wird von Niall als «Psycho» bezeichnet: brutal, impulsiv und unkontrolliert.
Für Niall, einen sensiblen Streber, der regelmäßig gemobbt wird, ist Rubens Präsenz ein willkommener Schutz. Bald entwickelt sich aus dem jugendlichen Taugenichts ein beschützender Freund. Ihre fragwürdige Freundschaft wird durch eine komplizierte sexuelle Spannung verstärkt.
Richard Gadd hat bereits mit «Baby Reindeer» eine Serie über intensive, schmerzhafte Konflikte und traumatische Ereignisse geschaffen, die ihm drei Primetime-Emmy-Awards einbrachten. Mit «Half Man» nimmt er wieder Anlauf: weniger autobiografisch, dafür muskulöser und aggressiver in der Umsetzung. Der Humor ist hier weniger natürlich und wird von einem schweren Schleier der Verzweiflung überdeckt.
Die Handlung beginnt bei Nialls Hochzeit und folgt einer nicht-linearen Erzählstruktur, die durch Zeitsprünge besticht. Die Episoden beleuchten entscheidende Phasen ihrer Beziehung, in denen sie sich annähern und voneinander abstoßen.
Ein Schlüsselsatz im Drehbuch lautet: «Es scheint, als brauche der eine einen Kopf und der andere einen Körper». Die brutale Dynamik ihrer Interaktion wird bald ersichtlich. Gadds unverblümter Umgang mit toxischer Männlichkeit, Scham und Gewalt ist der Reiz und das Risiko der Serie.
Die intensive Wirkung von «Half Man» entsteht durch Szenen, die unbequem sind, aber auch zu redundant wirken können. Es bleibt offen, was Gadd mit dieser extremen Darstellung bezwecken möchte. Dennoch ist die Auseinandersetzung mit Männlichkeit sehenswert und Jamie Bells Niall wird zum emotionalen Epizentrum.
Am Ende bleiben Ruben und Niall als verwachsende Einheit zu erkennen: Kopf und Körper, halb Tier, halb Mann, ganz Mensch. «Half Man» umfasst 6 Folgen à rund 50 Minuten auf HBO Max, wöchentlich eine neue Episode.