In der Schweiz bleibt das Diogenes-Syndrom oft im Verborgenen. Betroffene meiden meist die Hilfe aufgrund von Scham oder Verleugnung, was ihre Lage verschärft.
Entgegen verbreiteter Annahmen ist dieses Syndrom nicht nur bei Älteren anzutreffen; auch junge Menschen geraten zunehmend in einen chaotischen Lebensstil mit schwerwiegenden emotionalen Narben.
Nicolas, ein 30-jähriger Genfer (Name geändert), lebt seit über einem Jahrzehnt zwischen Müll in seiner Wohnung, die er als «Festung» bezeichnet. Nach dem unerwarteten Tod seiner Eltern führte er ein extrem isoliertes Leben bis zu einer Räumungsdrohung. Er sagt: «Ich will nicht, dass mein Umfeld mich entdeckt». Für ihn ist es eine Schande.
Benjamin Lavigne, Psychiater am Universitätsspital Lausanne, erklärt, dass das Diogenes-Syndrom offiziell als komplexe Störung betrachtet wird. Es äußert sich in einer gestörten Beziehung zum Körper, zu Gegenständen und anderen Menschen.
Diese Störung kann durch traumatische Ereignisse wie den Verlust eines geliebten Menschen oder eine Trennung ausgelöst werden, ist aber oft das Ergebnis verschiedener psychologischer Faktoren.
Carole Allamand schildert in ihrem Buch «Tout garder» ihre eigene Erfahrung. Nach dem Tod ihrer Mutter entdeckte sie deren Wohnung als Mülldeponie. Sie erinnert sich: «Die Gegenstände verraten sie nicht, sie verlassen sie nicht». Ihre Mutter suchte Trost in beruhigenden Objekten.
Für Betroffene des Messie-Syndroms, das oft mit dem Diogenes-Syndrom einhergeht, wird das zwanghafte Anhäufen zum Mittel gegen emotionale Leere.
Das Syndrom ist nach dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope aus dem 4. Jahrhundert vor Christus benannt, der gesellschaftliche Normen abgelehnt haben soll. Erstmals beschrieben wurde es in den frühen 1970er-Jahren in den USA.
Jennifer, 27 Jahre alt, kämpft seit Jahren mit ihrer chaotischen Wohnung. «Das Messie-Syndrom ist keine Faulheit», sagt sie, «es ist Not». Unterstützt von einem Ergotherapeuten versucht sie, Kontrolle über ihren Lebensraum zurückzugewinnen – ein langwieriger und schwieriger Prozess.
Für Betroffene stellt das Loslassen materieller Gegenstände eine große Herausforderung dar. Doch wie Jennifer betont: «Es ist möglich, da herauszukommen». Ihr Bericht soll Hoffnung für alle geben, die gegen diese unsichtbare, aber zerstörerische Störung ankämpfen.
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