Die aktuelle Debatte über Freihandel und Protektionismus greift zu kurz, da sie die spezifischen Verwundbarkeiten jedes Sektors und jeder Wertschöpfungskette nicht berücksichtigt. Die Anwendung von Zöllen durch den US-Präsidenten Trump sowie die Blockade der Strasse von Hormuz zeigen: Traditionelle Kategorien in der Handelspolitik sind unzureichend für aktuelle Realitäten. Während Befürworter des Freihandels diesen als Garant für Wohlstand sehen, warnen andere vor den Gefahren einer Isolation und fordern Selbstversorgung im Namen der Sicherheit. Beide Seiten haben einen gewissen Grund, jedoch fehlt eine differenzierte Analyse. Die Handelstheorie bietet die Basis mit Ricardos Prinzip des komparativen Vorteils und weiterführenden Modellen von Krugman und Melitz zur Spezialisierung und Offenheit. Diese Theorien bleiben gültig, stoßen jedoch bei der Beantwortung drängender Fragen an ihre Grenzen. Ein zentraler Punkt ist die Verwundbarkeit: Abhängigkeit von wenigen Anbietern oder Engpässen kann zu strategischen Schwachstellen führen. Die Europäisch-Russische Gaspartnerschaft und die Blockade der Strasse von Hormuz sind prägnante Beispiele für diese Dynamik, bei denen Handelsstrukturen unter veränderten Bedingungen zum Risiko werden. Für die Schweiz ist dieses Problem nicht nur auf Energie beschränkt. Auch Abhängigkeiten in Cloud-Diensten oder der Versorgung mit pharmazeutischen Vorprodukten und Halbleitern bergen strategische Risiken. Die Frage, wann effiziente Spezialisierung zu einer strategischen Schwäche wird, steht im Zentrum. Ein weiterer oft übersehener Aspekt ist die Intention des Handelspartners: Ein Staat kann Handel als Mittel zur Förderung des Wohlstands, zur Absicherung eigener Verwundbarkeit oder als Machtinstrument nutzen. Eine falsche Annahme über gegenseitige Interessen kann zu Missverständnissen führen, wie die europäische Russlandpolitik vor 2022 zeigt. Für die Schweiz bedeutet dies: Ihre Strategie sollte auf Wohlstand ausgerichtet sein und gezielte Absicherungen dort einplanen, wo Partner eigene Ziele verfolgen. Die klare Einsicht in deren Intentionen ist entscheidend, da sie keine Gegengewichte setzen kann. Der dritte Punkt betrifft den Zeithorizont: Spezialisierungsentscheidungen beeinflussen zukünftige Produktionsmöglichkeiten. Investition und institutionelle Entwicklung sind wesentlich für die Aufrechterhaltung von Kompetenzen, wie Friedrich List bereits erkannte. Die Frage, ob der Staat in diesen Prozess eingreifen sollte, bleibt komplex und erfordert klare Leistungskriterien sowie Wettbewerb bei geförderten Firmen. Chinas industriepolitischer Erfolg unterstreicht die Bedeutung strategischer Planung. Die drei Dimensionen – Verwundbarkeit, Intention und dynamische Entwicklung – interagieren miteinander. Eine präzise Diagnostik, die diese Aspekte berücksichtigt, ist daher essenziell für die Schweiz. Jede Wertschöpfungskette sollte analysiert werden hinsichtlich ihrer Konzentration, der Ziele des Gegenübers und deren Auswirkungen auf zukünftige Möglichkeiten. Für eine effektive Strategie sind interne Maßnahmen wie Produktivitätssteigerung und Innovationsförderung notwendig. Die Schweiz muss klug positionieren und ihre spezifischen Stärken nutzen, um in der globalen Wertschöpfungskette wertvoll zu sein. Effizienz wird neu betrachtet: Resilienz sollte nicht als Verlust an Effizienz gesehen werden, sondern als integraler Bestandteil einer umfassenden Risikoanalyse. Die Schweiz benötigt daher ein differenziertes diagnostisches System für ihre Handelspolitik. Reto Föllmi und Martin Kölmer sind Professoren für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.