Qidong ist von einem erfrischenden Wind durchzogen. Im Osten liegt das Gelbe Meer und im Süden der Jangtsekiang. Auf dem flachen Land erstrecken sich Wohngebäude endlos. Das Ende ist nicht in Sicht. Dieses Gebiet, bekannt als «Leben wie in Venedig», gehört zum einst florierenden chinesischen Baukonzern Evergrande, der nun bankrott ist. Im Gegensatz zu dem historischen italienischen Venedig ist hier alles neu.
Ma Chao schlendert im roten Kapuzenpulli durch die Straßen. Der 27-jährige Ingenieur arbeitet in Shanghai und kommt gelegentlich nach Qidong, um sich auszuruhen. «Ich mache hier nichts anderes als spazieren gehen, kochen oder Computerspiele spielen», erläutert er. Im Vergleich zu Shanghai empfindet Ma die Gegend allerdings als langweilig.
Diese Langeweile ist jedoch beabsichtigt. Der Ingenieur nutzt seine Zeit in Qidong für ein sogenanntes «Flachliegen» – eine Auszeit von der kapitalistischen Hektik, um den Druck des intensiven Wettbewerbs zu entkommen.
Das Gebiet «Venedig» bietet mit seinen 47.000 Wohnungen Platz für 120.000 Menschen und hat sich als idealer Ort zum Entspannen etabliert. Im Süden finden sich Villen, im Norden Wohntürme bis zu 30 Stockwerken hoch. Hier kostet eine 100 Quadratmeter große Wohnung mit drei Zimmern monatlich nur 100 Franken.
Lin Xiaoqin ist Immobilienmaklerin in einem kleinen Büro an einer Hauptstraße und kennt die Bewohner von «Venedig» gut. Ursprünglich zog es hier vor allem Rentner hin, um Wohnungen zu kaufen. Heute sind immer mehr junge Leute auf der Mietensuche.
«Sie fühlen sich sehr entspannt und weniger unter Druck», beobachtet Lin.
In China gibt es für solche stark entwerteten Immobilien wie in «Venedig» den Begriff «Kohl-Häuser». Chinakohl, eines der günstigsten Gemüse im Land, steht oft zuletzt auf Speisekarten. Ebenso erschwinglich ist heute die Miete in «Venedig».
Tägliche Busverbindungen verkehren von Shanghai nach Qidong. Die Fahrt vom Platz des Volkes kostet zwei Franken und ist für Rentner sogar kostenlos. Lui Cuiping, 64 Jahre alt, nutzt diesen Shuttlebus regelmäßig und hat sich in «Venedig» zur Ruhe gesetzt.
«Es scheint, dass hier jeder einfach nur ‹flachliegt›», bemerkt sie. In den großen Städten würde man sofort nach dem Grund für die Arbeitslosigkeit gefragt werden. «Hier interessiert das niemanden», fügt Lui hinzu.
Die Immobilienpreise in China sinken weiter. Bis zum Platzen der Blase war es üblich, Geld in Wohnungen zu investieren, viele davon stehen heute leer. Ironischerweise sind sie durch die Überproduktion im chinesischen Turbokapitalismus entstanden und bieten nun die Infrastruktur für das «Flachliegen».
Tagesschau, 8.4.2026, 19:30 Uhr; wyss