Fleur Jaeggy reflektiert in ihrem Werk «Die letzten Tage von Ingeborg» über die tragischen Umstände des Todes ihrer Freundin und Dichterin Ingeborg Bachmann. Die beiden verbrachten im Sommer 1971 einen Monat in der Toskana, umgeben von Ruhe und Einfachheit. Diese Zeit beschreibt Jaeggy als zurückgezogenes Leben, das an Nouvelle Vague-Filme erinnert. Besuch von Italo Calvino wurde mit Schweigen aufgenommen, bis er ein leises «Äh . . . hem» von sich gab.
Der knapp 50-seitige Band schildert Jaeggys Beziehung zu Bachmann, die zwischen Freundschaft und unerfüllter Liebe schwankt. Ihre Erinnerungen sind lakonisch; so erinnert sie sich an eine Mahlzeit, bei der Bachmann Leberwurst aß – nicht ohne das Kleid mit Flecken zu versehen.
Die Erzählung «Das aseptische Zimmer» aus Jaeggys Erzählband von 2014 spiegelt einige Passagen wider. Die zentrale Geschichte rekonstruiert die letzten Tage Bachmanns, die am 17. Oktober 1973 an Brandverletzungen starb. Dieser Tod wird in der Literaturwelt als Rätsel betrachtet.
Jaeggy offenbart ihre Bewunderung für Bachmann – von deren jugendlicher Anmut bis zu ihrer Fähigkeit, Stille auszudrücken. Sie widerspricht oft dem Bild einer nur empfindsamen und melancholischen Ingeborg, die manchmal sogar scherzen wollte.
Jaeggy vermeidet es, ihre Beziehung festzulegen, erinnert aber in einem 2024er Interview an «Die Zeit» daran, dass Bachmann sie zum Schreiben inspiriert habe. Bachmanns ausweichende Antworten deuten auf eine einseitige Sehnsucht hin.
Als Jaeggy Roberto Calasso heiratete und Bachmann zur Hochzeit einladen wollte, lehnte diese ab. Manchmal klingt Liebeskummer durch Jaeggys Worte: «Ich hätte mir gewünscht, dass es lang anhält. Und immer.»
Im letzten Teil des Buchs beschreibt Jaeggy die Wochen vor Bachmanns Tod und ihre emotionale Reaktion auf den Unfall – Feuer entzündete sich durch eine Zigarette an ihren Kleidern. Trotz intensiver Pflege verstarb Bachmann im Krankenhaus in Rom.
Jaeggy kritisiert scharf die Familie Bachmann, die die Lage verschleiert hatte und keine notwendigen Schritte unternahm. Sie weist auf eine Tablettensucht hin, die das Schmerzempfinden beeinträchtigte.
Trotz der mystifizierten Interpretationen von Bachmanns Tod erinnert sich Jaeggy täglich an ihre letzte Unterhaltung im Krankenhaus. Ihre Liebeserklärung schließt das Buch ab: «Ich habe sie geliebt, und vielleicht stimmt es ja, ‹Wir haben es schön gehabt›». Fleur Jaeggys Werk ist ein bewegendes Zeugnis tiefster Gefühle.
Fleur Jaeggy: Die letzten Tage von Ingeborg. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 44 S., Fr. 24.90.