Kasia Ostrowski konzentriert sich auf der Arbeit an einer großen Erdkugel, während sie den Indischen Ozean mit einem feinen Marderhaar-Pinsel bemalt. Eine Flasche «deep ocean blue» steht neben ihr und Russland hängt über ihrem Kopf zum Trocknen. Die Ukraine liegt in Streifen auf einer Ablage. Im Atelier von Peter Bellerby wird die Welt mit einem Skalpell zu spindelförmigen Streifen geschnitten, gewässert, getrocknet und anschließend faltenfrei auf Kunststoffkugeln geklebt. Dann werden diese bemalt und beschriftet. Erdgloben existieren seit dem Mittelalter und sind heute noch in Schulen und gelegentlich privaten Haushalten zu finden. Doch sie sind rar geworden. Bellerby ist die einzige Manufaktur im Vereinigten Königreich, die handgefertigte Globen produziert – eine Arbeit, die Sorgfalt, Geduld und Interesse am Weltgeschehen erfordert. Ostrowski erklärt: «Stundenlanges Bemalen der sudanesischen Wüste lässt einen an den dortigen Krieg und die Gräuel denken.» Daher höre sie während der Arbeit oft Hintergrundberichte der BBC, um das Universum nachzubearbeiten, aber auch Johann Sebastian Bach. In dem Atelier in Islington herrscht eine andächtige Stille. Die Welt mit Pinseln, Pinzetten und Kleister Schicht für Schicht im Kleinformat zu rekonstruieren, erscheint fast aus der Zeit gefallen, meint Bellerby. «Globen haben einen anderen Zweck: Sie inspirieren», sagt er. Ein Schiff würde nie mit einem Globus in See stechen; digitale Karten sind dafür da. «Ein Globus regt uns an, Orte zu besuchen und macht neugierig – vielleicht sogar demütig.» Bellerby war früher Journalist. Er wollte seinem Vater einen Globus schenken und stellte fest, dass es keine hochwertigen Exemplare mehr gab. Nach vielen Versuchen baute er selbst einen und gründete seine Manufaktur. Heute arbeitet dort eine dreißigköpfige Mannschaft. Das Handwerk ähnelt dem eines Auslandskorrespondenten: es bietet einen anderen Blick auf die Welt, birgt aber auch Risiken. «Länder haben je nach Bestimmungsort verschiedene Namen und Grenzen.» Für China wird Taiwan als «Provinz der Volksrepublik China» bezeichnet. Ein Globus mit Kashmir für Indien könnte zu Gefängnisstrafen führen. Die Schöpfung der Erde in sechs Tagen ist bekannt, doch in Islington dauert es neun Monate bis ein großer Globus fertiggestellt ist. Handwerkliche Grenzen werden verschoben: Eddy da Silva schneidet mit einer chirurgischen Schere den Nordpol aus. «Papier auf eine Kugel zu kleben, widerspricht der Natur von Zellulosefasern», erklärt er. Die Spannung vom Nord- zum Südpol muss perfekt abgestimmt sein. Zwei Personen sind nötig, um die Streifen unfallfrei aufzukleben: Man beginnt am Nordpol und endet am Südpol. «Wir erschaffen die Welt», sagt da Silva. Die Arbeit mit nassem Papier erfordert ein Gespür für Tempo, Pausen und Spannung. Russland ist nun trocken. Morgen wird die Ukraine zusammengeklebt. Die Welt ist fragil, doch das Fingerspitzengefühl der Globusmacher hält sie zusammen: Wer zu fest zieht, zerreißt sie.