Prof. Dr. Emanuela Chiapparini von der Berner Fachhochschule leitet das Projekt “Peer-Arbeit”, das aktuell in den Städten Bern, Neuchâtel und Biel umgesetzt wird. Sie erläuterte im Interview mit SRF, warum traditionelle Hilfsangebote oft an ihre Grenzen stoßen und wie die Einbindung von Menschen, die selbst Armutserfahrungen gesammelt haben, diese Lücke schließen kann.
Chiapparini ist Direktorin des Instituts Kindheit, Jugend und Familie am Departement Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der sozialen Arbeit im Zusammenhang mit Schule, Elternbildung sowie Kinder- und Jugendhilfe.
SRF fragte nach den Herausforderungen bei der Ansprache von armutsbetroffenen Menschen: Warum ist es kompliziert, sie mit bestehenden Hilfsangeboten zu erreichen?
Emanuela Chiapparini erklärte, dass viele Betroffene sich schämen. In unserer Gesellschaft wird Armut oft als persönliche Niederlage oder sogar als selbstverschuldet angesehen, was jedoch unzutreffend ist; meistens sind es politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die ursächlich sind. Diese Scham führt dazu, dass sich Betroffene zurückziehen.
Ihr Projekt setzt nun auf sogenannte Peers – Menschen, die selbst in Armut gelebt haben. Warum ist dieser Ansatz vielversprechender?
Aus anderen Bereichen wie der Psychiatrie wissen wir, dass Menschen mit ähnlichen Erfahrungen besser zueinander finden. Ein Peer versteht aus eigener Anschauung, was es heißt, arm zu sein. Das schafft Vertrauen und kann als Vorbild dienen.
Dieses Vertrauensfundament ist entscheidend dafür, dass sich Betroffene öffnen und Unterstützungsangebote annehmen. So können sie aus ihrer sozialen Isolation herausfinden.
Das Projekt startet mit 16 Peers. Wer sind diese Menschen?
Es handelt sich um eine vielfältige Gruppe von Menschen sowohl mit als auch ohne Migrationshintergrund, die Deutsch und Französisch sprechen. Sie bringen Erfahrungen aus der Sozialberatung oder der Unterstützung von Wohnungslosen und Jugendlichen ein.
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) betrifft Einkommensarmut in der Schweiz rund 8,4 % der Bevölkerung – das entspricht etwa 743.000 Personen im Jahr 2024.
Einkommensarmut bedeutet, dass das verfügbare Haushaltseinkommen nicht ausreicht, um das soziale Existenzminimum zu decken. Die offizielle Messung erfolgt durch das BFS nach den SKOS-Richtlinien.
Die Armutsgrenze liegt 2024 bei durchschnittlich 2388 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 4159 Franken für zwei Erwachsene mit zwei Kindern.
Wie bereiten sich die Peers auf ihre Aufgaben vor?
In der Ausbildung steht das Erfahrungswissen im Mittelpunkt. Es geht darum, die eigene Rolle als Peer zu verstehen, die eigenen Stärken und Grenzen zu kennen sowie den richtigen Zeitpunkt für die Suche nach eigenem Unterstützungsbedarf zu erkennen. Ein wesentlicher Bestandteil ist der Aufbau von Vertrauen innerhalb der Gruppe. Die Motivation vieler Peers besteht darin, anderen das zu geben, was ihnen selbst damals gefehlt hat: eine Person mit ähnlichen Erfahrungen.
Was sind die langfristigen Ziele dieses Pilotprojekts?
Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet. Ziel ist es herauszufinden, wie genau die Arbeit der Peers wirkt und unter welchen Bedingungen sie am erfolgreichsten ist. Diese Erkenntnisse sollen anderen Kantonen helfen, ihre Sozialpolitik gezielt weiterzuentwickeln.
Das Gespräch führte Sandra Schiess für Radio SRF 1, Morgengast, am 27. April 2026 um 7:15 Uhr.