Der finanzielle Druck auf den Schweizer Mittelstand bleibt trotz anhaltender Diskussionen bestehen. Hohe Kosten für Wohnen, Krankenkassenprämien und Benzin strapazieren Einkommen und Vermögen, sodass viele Menschen bei unerwarteten hohen Rechnungen in Schwierigkeiten geraten.
Philipp Frei, Geschäftsführer des Dachverbands Budgetberatung Schweiz, berichtet von den täglichen Herausforderungen der Betroffenen. Er bietet Einblicke und Ratschläge für jene, die finanzielle Probleme bewältigen müssen.
Der Dachverband verbindet 30 unabhängige Anlaufstellen, die Beratung, Informationen und Weiterbildungsangebote rund ums Budget anbieten. Ziel ist es, Finanzkompetenz zu fördern, den Umgang mit Geld zu verbessern und Überschuldungen sowie deren soziale, gesundheitliche und finanzielle Folgen entgegenzuwirken.
SRF News fragt nach aktuellen Zahlen: Wie gravierend ist die Lage?
Philipp Frei erklärt, dass selbst tiefere Schichten des Mittelstandes zunehmend Schwierigkeiten haben, mit ihrem Einkommen auszukommen. Diese Entwicklung verstärkt sich jedes Jahr und überrascht ihn nicht angesichts steigender Beratungszahlen. In einigen Kantonen gibt es sogar Wartelisten für die Budgetberatung, da Menschen oft nicht in der Lage sind, uneröffnete Rechnungen zu bezahlen.
Mehr als die Hälfte der Schweizer Bevölkerung (55,2 Prozent), also rund 4,7 Millionen Personen, gehört zum Mittelstand. Dazu zählen Einzelpersonen mit einem monatlichen Bruttoeinkommen von 4229 bis 9061 Franken oder Paare mit zwei Kindern zwischen 8880 und 19’028 Franken.
Laut Bundesamt für Statistik (BFS) sind rund 300’000 Personen dieser Einkommensgruppe stark belastet durch Wohnkosten, die mehr als 40 Prozent ihres verfügbaren Haushaltseinkommens beanspruchen. Rund 800’000 Menschen geben an, nicht über genug Mittel zu verfügen, um unerwartete Rechnungen von 2500 Franken oder mehr zu begleichen. Zudem verzichten etwa 300’000 Personen auf Urlaubsreisen.
* Das verfügbare Haushaltseinkommen berechnet sich als Bruttohaushaltseinkommen abzüglich obligatorischer Abgaben (Sozialversicherungsbeiträge, Steuern, Krankenkassenprämien und regelmäßige Zahlungen an andere Haushalte wie Alimente).
Warum müssen einige Mittelstandsbürger ihren Lebensstil einschränken oder leben über ihre Verhältnisse?
Einige leben tatsächlich über ihre Möglichkeiten hinaus, während andere das Eintreffen von Steuerrechnungen ignorieren. Oft ändern sich die Umstände durch unvorhergesehene Ereignisse wie Trennung oder Krankheit. Diese Herausforderungen lassen sich nicht vermeiden.
Es ist entscheidend, proaktiv zu handeln: Sobald finanzielle Engpässe auftreten, sollte man Unterstützung suchen und auf Schulden und Mahnverfahren verzichten. Bei Zahlungsunfähigkeit empfiehlt es sich, mit den Gläubigern über Ratenzahlungen oder Alternativen zu verhandeln.
Der Verlust an Lebensqualität durch finanzielle Einschränkungen wie die Absage von Urlaubsreisen ist für viele Mittelständler belastend. Dies bedeutet oft, dass man seine Ferien im Inland verbringt, was ebenfalls Kosten verursacht. Eine ehrliche Selbsteinschätzung hilft dabei, den Lebensstandard anzupassen.
Das Gespräch führte Laila Cavelti.
10 vor 10, 8.5.2026, 21:50 Uhr; srf/luea/losl; baus