Die von den gesetzlichen Krankenversicherungen getragenen Kosten für psychotherapeutische Behandlungen sind in den letzten drei Jahren um rund 75 Prozent angestiegen, was auf eine Gesetzesänderung zurückzuführen ist. Diese ermöglicht es Psychologinnen nun einfacher über die Grundversicherung abzurechnen. Im Jahr 2024 beliefen sich die Ausgaben der Kassen allein für psychologische Therapien auf über 900 Millionen Franken, was pro Prämienzahler durchschnittlich zehn Franken Mehrkosten pro Monat bedeutet.
Eine Untersuchung des Lausanner Forschungszentrums Unisanté kommt zu dem Ergebnis, dass diese zusätzlichen Kosten sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft insgesamt gerechtfertigt sind. Für ihre Analyse wurden 138 Studien aus mehr als 6000 Veröffentlichungen evaluiert; nur eine dieser Studien wurde in der Schweiz durchgeführt.
Laut der medizinisch-ökonomischen Bewertung weist die Psychotherapie im Vergleich zur Behandlung durch Hausärzte, zu medikamentösen Therapien oder keiner Behandlung in 78 Prozent der Fälle ein günstiges Kosten-Wirkungs-Verhältnis auf. Bei Angst- und Depressionserkrankungen liegt dieser Anteil sogar bei 89 Prozent. Frühzeitige Investitionen könnten die Verschlimmerung psychischer Erkrankungen verhindern, erklärt Co-Studienleiter Mauricio Avendano.
Durch solche Maßnahmen ließen sich medizinische Komplikationen, die das Gesundheitssystem später teurer zu stehen kämen, vermeiden. “Für Erwachsene gibt es Einfluss auf Arbeitsfähigkeit und vermiedbare medizinische Kosten”, so Avendano gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Hospitalisierungen könnten dadurch vermieden werden: “Man spart Geld, indem man Fälle verhindert, die teurer und komplizierter für die Gesellschaft sind.”
Außerdem erbringen Arbeitnehmer mit besserer psychischer Gesundheit produktivere Leistungen und fehlen seltener.
Nicht alle teilen diese Ansicht: Der Walliser FDP-Nationalrat Philippe Nantermod, der jüngst eine Motion einreichte, um Psychotherapien nicht länger über die Grundversicherung zu vergüten. “Das ist ein Argument, das im Gesundheitsbereich häufig gehört wird: Es koste weniger, je mehr ausgegeben werde”, sagt er. Die Realität zeige jedoch das Gegenteil.
“Jedes Mal, wenn wir eine zusätzliche Leistung in die Grundversicherung aufgenommen haben, sind die Gesundheitskosten zulasten der Krankenkassenprämien deutlich gestiegen”, fügt Nantermod hinzu. Selbst wenn die gesellschaftlichen Vorteile erkennbar seien, würden am Ende alle höhere Prämien bezahlen müssen.
Unisanté argumentiert dagegen: Da viele Betroffene bestehende Versorgungsangebote nicht in Anspruch nehmen, sei der bessere Zugang zu Psychotherapien notwendig. Zudem beeinflusse die Organisationsweise des Gesundheitssystems eines Landes stark die Kosten, so das Forschungszentrum weiter.