Die Trennung von Kunst und Politik stellt eine anhaltende Frage dar, die auch das Erbe von Herbert von Karajan (1908–1989) beschäftigt. Der charismatische Dirigent aus Österreich, bekannt für seine Vorliebe für schnelle Autos, galt als einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit. Trotz seiner Mitgliedschaft in der NSDAP und antisemitischer Äusserungen in jungen Jahren gelang es ihm, nach dem Krieg eine bemerkenswerte Karriere zu verfolgen. Als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker von 1955 bis 1989 prägte er die Musikszene nachhaltig.
Seine politische Vergangenheit war während seines Lebens und bleibt auch heute noch umstritten. Ein neues Buch mit dem Titel «Genie und Gewissen», verfasst vom Historiker Michael Wolffsohn, beleuchtet diese Thematik neu. Das im Auftrag des Eliette und Herbert von Karajan Instituts erschienene Werk stellt die Frage nach Karajans politischer Gesinnung und kommt zu dem Schluss: “Formal Ja. Unbestreitbar. Faktisch nein.” Laut Wolffsohn war Karajan vor allem ein Karrieremensch, der sich hauptsächlich für seine musikalische Laufbahn interessierte. Seine Aufnahme in die NSDAP sei aus beruflichen Gründen erfolgt.
Wolffsohn analysiert verschiedene Aspekte von Karajans Leben, darunter dessen Privatbibliothek, und konstatiert eine “blamable Auslese” für einen Nazi. Die antisemitischen Äusserungen in jüngeren Jahren sieht er als unbedeutend an und betont Karajans Freundschaften mit jüdischen Menschen.
Kritik am Buch äusserte Friedrich Geiger, Professor für Historische Musikwissenschaft in München. Er kritisiert, dass Wolffsohns Darstellung die bedeutende Rolle Karajans im NS-Staat herunterspiele und die Analyse der politischen Dimension von Musik vernachlässige.
Der Diskurs über Karajan bleibt aktuell, wie das positive Medienecho auf Wolffsohns Buch zeigt. Auch weitere Publikationen zum Thema stehen bevor. Die Debatte um Karajans Rolle in der NS-Zeit und seine persönliche Gesinnung ist damit weiterhin von großer Relevanz.