Die bedeutende Mittelalterfrau Hildegard von Bingen (1098–1179) machte sich einen Namen als Predigerin, Klostergründerin und Autorin von literarisch-theologischen Werken. Sie war auch Botanikerin und Komponistin und galt als Seherin, die so genannte ‘rheinische Sibylle’. Kein Wunder also, dass immer noch Bücher über sie erscheinen, in denen ihre ‘lingua ignota’, eine von ihr erfundene Sprache, Erwähnung findet. Die Erforschung dieser mysteriösen Sprache wird bis heute als unvollendet beschrieben. Mich interessiert das nicht; ich spiele einfach mit dem, was bereits bekannt ist.
Hildegards ‘lingua ignota’ umfasst 1011 Begriffe, die durch lateinische und mittelhochdeutsche Wörter erklärt werden. Die meisten Einträge sind Substantive mit einigen Adjektiven. Verben oder eine eigene Grammatik fehlen jedoch. Die Wörter sind thematisch gegliedert in Kategorien wie Gott, Mensch, Körperteile und Krankheiten, Stände und Berufe sowie Pflanzen und Vögel.
In dieser Sprache wird Gott als ‘aigonz’ bezeichnet, der Teufel als ‘diueliz’. Zwischen beiden stehen Engel (‘aieganz’), Menschen (‘iminois’) und die Kirche (‘crizia’). Der Geist ist ‘isparriz’, während das Weib ‘vanix’ genannt wird. Besonders ansprechend finde ich ‘zaimzabuz’, den Quittenbaum, dessen Name bereits an das mühevolle Schälen der Früchte erinnert. Lorbeer heisst ‘cririschia’, Distelfink ‘ermosiz’ und Uhu ‘balbunz’. Auffallend oft enden die Wörter auf ‘z’. Was Hildegard von Bingen mit ihrer Privatsprache beabsichtigte, bleibt Spekulation. In Briefen tauchen gelegentlich einzelne Begriffe auf. Vielleicht schuf sich die vielseitige Frau in einsamen Stunden mit diesem Sprachspiel ein persönliches Refugium. Einige ihrer Wörter wirken mir gar koboldhaft.
Rund 800 Jahre später veröffentlichten Douglas Adams und John Lloyd das Buch ‘The (Deeper) Meaning of Liff’, dessen von Sven Böttcher bearbeitete deutsche Ausgabe 1992 unter dem Titel ‘Der tiefere Sinn des Labenz’ erschien. Das Werk spielt mit Ortsnamen, indem es ihnen neue Bedeutungen zuweist: ‘Bremen’ steht für das langsame Erfassen einer Sache, ‘Prösen’ beschreibt das Zerbrechen eines Gegenstands beim Nachprüfen seiner Reparatur und ‘Uppsala’ bezeichnet einen Gegenstand, über den man nie gestolpert wäre, wenn man nüchtern gewesen wäre.
Ich bin mir sicher: Hildegard von Bingen hätte sich mit diesen drei Humoristen bestens verstanden!