Omer Bartov, ein israelischer Historiker und Holocaust-Forscher, schildert häufig seine Erfahrungen aus den 1970er Jahren als Mitglied einer Kampfeinheit der israelischen Armee im Gazastreifen. Damals empfand er die Region als Ort voller Hoffnungslosigkeit und Trauer. Heute leben über zwei Millionen Menschen in einem stark verkleinerten Gaza, wo nach dem Waffenstillstand mit der Hamas im Vorjahr 53 Prozent des Gebiets unter israelischer Kontrolle standen.
Eine sogenannte gelbe Linie trennte das von Israel besetzte Areal ab. US-Präsident Donald Trumps 20-Punkte-Plan sah vor, dass die Armee sich allmählich zurückziehen und die Hamas ihre Waffen abgeben sollte – ein Plan, der bisher nicht umgesetzt wurde. Stattdessen hat Israel seine Kontrolle auf 60 Prozent des Gazastreifens ausgedehnt.
In den verbleibenden 40 Prozent leben Menschen in überfüllten Zeltlagern unter schwierigen Bedingungen. Überschreiten sie die undurchsichtige gelbe Linie, riskieren sie das Erschießen durch israelische Soldaten. Eine ähnliche Situation entsteht im Süden des Libanons, wo Israel trotz Waffenruhe Dörfer zerstört und Menschen tötet.
Im besetzten Westjordanland greifen radikale Siedler palästinensische Dorfbewohner mit Gewalt an. Diese werden inzwischen selbst von der politischen Mitte Israels als jüdische Terroristen bezeichnet, doch Regierung und Armee unternehmen wenig dagegen.
Die zunehmende Brutalisierung im Gaza-Streifen, Westjordanland und Libanon führt zu wachsendem Unmut – auch in der jüdischen Diaspora und den USA. Kritik kommt nicht nur von Linken, sondern auch von Republikanern. Menschenrechtsorganisationen in Israel fordern, dass Verbündete in Europa und Amerika Israels Politik zur Disziplinierung bringen sollten.
Nur so könne sich Israel eine Zukunft als Nachbarstaat sichern, nicht als gefürchteter Hegemon. Bartovs Erkenntnis aus den 1970er Jahren war, dass die Besatzung moralisch und politisch korrumpiere, was zu einer Brutalisierung der israelischen Gesellschaft führe. Der Preis für die anhaltende Besetzung und die Untätigkeit von Israels Verbündeten bezahlen nicht nur Palästinenserinnen und Libanesen, sondern auch Israelis selbst.
Die Auslandredaktion verfolgt weiterhin die Entwicklungen in Israel und Palästina.