Andris Kalnozols’ Roman „Kalender“ erzählt die Geschichte von Oskars, einem eigenwilligen Protagonisten, der sich als Brücke zwischen einer schmerzlichen historischen Vergangenheit und einer ungewissen Gegenwart sieht. Der in Lettland angesiedelte Roman folgt dem Prinzip Hoffnung und fängt die Besonderheiten eines postsowjetischen Lebens nach der Einführung des Euro ein.
Oskars, bekannt als „Kalender“ wegen seiner Fähigkeit, alle Namenstage auswendig zu kennen, gilt in seinem Heimatstädtchen als exzentrisch. Mit einer autistischen Spielart und einem fotografischen Gedächtnis ist er der Ich-Erzähler des Romans. Seine Andersartigkeit wird durch die literarische Form von abgehackten Sätzen und repetitiven Textschleifen unterstrichen, was dem Debütroman eine hypnotische Wirkung verleiht.
Der 1983 geborene Kalnozols, ein bekannter Dramatiker und Regisseur in der baltischen Theaterszene, wurde für „Kalender“ 2020 mit dem Lettischen Literaturpreis für Prosa ausgezeichnet. Oskars‘ Gedanken und kindliche Offenherzigkeit zeichnet er in einem Tagebuch auf, das ihm von seinem örtlichen Pfarrer gegeben wurde. Der Roman verbindet kindlich-naive Liebesbekundungen mit strengen Selbstvorsätzen wie „Guten Morgen zu sagen“ und „nicht anzustarren“. Diese schelmenhafte Komik wird in verschiedenen Szenen des Romans deutlich, etwa wenn Oskars sich darüber Gedanken macht, nicht vor dem Fenster eines Hundes übergeben zu wollen.
Die Geschichte spielt in einer unklaren postsowjetischen Welt. Obwohl der Fall des Ostblocks bereits zwei Jahrzehnte zurückliegt, scheint Oskars, wie auch seine betagte Mutter im ärmsten Stadtviertel, festgehalten von der Vergangenheit zu sein. Die veränderten Straßennamen und die Allgegenwart von Mobiltelefonen irritieren ihn. Als Feldforscher mit einem alten Telefonbuch bewaffnet, erkundet er seine Umgebung auf der Suche nach seiner Angebeteten.
Ein entscheidender Wendepunkt ist Oskars‘ Freundschaft zu Janina, einer 95-jährigen Frau aus den Nachbarschaften der sozialistischen Möbelfabrik „Zukunft“. Diese Beziehung führt zu einer Art Menschwerdung und Emanzipation des oft verhöhnten Oskars. Mit Unterstützung seiner Freunde eröffnet er eine Suppenküche und beginnt, sich für Gott und seine Mitmenschen zu interessieren. Seine Aktionen münden in der Gründung eines experimentellen Theaters in einer alten Möbelfabrik.
Trotz des Erfolgs seiner Theateraufführung flieht Oskars vor dem Glückwunsch der unbekannten Schönen, doch er hat nun seine Lebensrichtung gefunden: „Im Gleichschritt mit meinen Freunden für die Welt Gutes tun.“ Die lettische Literaturkritik feiert den Roman als Hymne auf das menschliche Miteinander und Oskars als Lichtgestalt. Der Charakter teilt Parallelen zu anderen literarischen Aussenseitern wie dem Blechtrommler Oskar Matzerath oder dem Sonderschüler in Sascha Sokolows Roman „Die Schule der Dummen“, indem er die Erwartungen an eine normale Einstellung zur Realität sprengt.