Vor einem Jahrhundert sorgte Constantin Brancusi mit seinen minimalistischen Formen für Aufsehen, während er heute als einer der bedeutendsten Bildhauer der klassischen Moderne gefeiert wird. Eine Retrospektive in der Neuen Nationalgalerie Berlin würdigt sein Erbe.
Ein Objekt, das an eine Delle in einer Avocado erinnert, birgt bei genauerer Betrachtung das Gesicht einer schlafenden Frau – ein Beispiel für Brancusis Werk “Die schlafende Muse”. Diese Bronzeskulptur fordert die Betrachter auf, über einfache Rundungen hinwegzusehen und in ihrer Fantasie eine komplette Form zu imaginieren.
Während heutzutage abstrakte Darstellungen alltäglich sind, stiess Brancusi bei seinen Zeitgenossen auf Skepsis. Ein Artikel fragte damals: “Ist das Kunst?” als Reaktion auf seine reduzierten Frauenköpfe in Paris und New York. Eine Vogelskulptur sorgte 1927 für Diskussion, als sie von Edward Steichen erworben wurde. Die amerikanische Presse rätselte: “Wann ist ein Vogel ein Vogel?” Da die Zollbeamten das Objekt nicht erkennen konnten und es als Haushaltsgegenstand klassifizierten, entbrannte eine Debatte über den Status abstrakter Kunst.
Heute wird jene Skulptur, bekannt als “Vogel im Raum”, in der Neuen Nationalgalerie Berlin ausgestellt. Mit ihrem schlanken Körper und schmalen Sockel scheint sie fast schwerelos zu sein. Brancusi nutzte den Flug als Symbol für die menschliche Sehnsucht nach spiritueller Erhebung, ein Thema, das er über Jahrzehnte erforschte.
Brancusis Arbeiten wurden zunehmend vereinfacht, bis sich seine Vogelthematik in abstrakten Formen verflüchtigte. Mit Werken wie “Prinzessin X” von 1916 entwickelte er eine intuitiv verständliche Zeichensprache. Bei der Ausstellung im Salon des Indépendants im Jahr 1920 löste das Werk Irritationen aus, als Henri Matisse oder Pablo Picasso bemerkten: “Seht mal, ein Phallus.” Paul Signac warnte Brancusi vor möglichen Problemen mit dem Polizeikommissar. Tatsächlich wurde die Skulptur wegen Obszönität entfernt.
Brancusi verteidigte seine Arbeit und erklärte: “Meine Statue stellt eine Frau dar, alle Frauen in einer, Goethes ‹Ewig-Weibliches›, auf das Wesentliche reduziert.” Der Künstler betonte die abstrahierende Darstellung der Prinzessin Marie Bonaparte, die phallische Assoziationen jedoch nicht zufällig waren. Die psychoanalytische Forscherin und Anhängerin Sigmund Freuds war mit Sexualforschung beschäftigt.
Brancusi hinterfragte stets die symbolische Geschlechterordnung, oft im Geiste der Dadaisten Marcel Duchamp, Man Ray und Tristan Tzara. So bleibt sein Werk “Torso eines jungen Mannes” geschlechtsneutral. Seine Freundschaft zu Künstlern wie Picasso oder Rodin beeinflusste seine Kunstpraxis.
Brancusi betonte stets die Darstellung seiner persönlichen Realität und zeigte in seinen Fotografien oft den phallischen Aspekt von “Prinzessin X”. Seinem Publikum empfahl er: “Betrachtet meine Skulpturen, bis ihr sie seht.” Seine Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin läuft noch bis zum 9. August 2026.