Der Roast ist ein fester Bestandteil der amerikanischen Unterhaltungslandschaft. Auf Netflix wurde Kevin Hart mit untergründigen Gags verhöhnt, die Tabus brechen sollten – aber waren sie wirklich witzig? Lob und Schmeichelei sind nett, doch wenn man jemanden durch den Kakao zieht, ist das noch besser. Am besten ist es, wenn man jemanden bloßstellt: Dann hat er es geschafft, zum echten Star zu werden.
Diese Maxime gilt im amerikanischen Showgeschäft seit dem 20. Jahrhundert an. Berühmtheiten werden sprachlich hart attackiert. Dies geschieht im Rahmen des Roasts, bei dem Stars mit Witz und Pointen überzogen werden. Seit 1904 existieren solche Veranstaltungen. Damals wurde der Friars Club in New York gegründet, ein privater Treffpunkt für Unterhaltungsprofis, wo Ehrengäste auf die Schippe genommen wurden. Ende der 1960er Jahre eroberte das Konzept das Fernsehen und Comedy Central übertrug von 1998 bis 2002 entsprechende Sendungen.
Obwohl der Friars Club nicht mehr existiert, hat sich der Roast als lukratives Format auf Bühnen und im Fernsehen etabliert. Seit den Siebzigerjahren werden nicht nur Filmschauspieler gegrillt, sondern auch Politiker und Sportler. In Shows von Dean Martin (1974 bis 1984) wurden Persönlichkeiten wie Muhammad Ali und Truman Capote verspottet – eine Ehre und Anerkennung.
Ein Roast für Kevin Hart war längst überfällig. Der afroamerikanische Comedian hat in den letzten Jahren alle Konkurrenten übertroffen. Mit einem geschätzten Vermögen von rund 450 Millionen Dollar ist er der vierreichste Comedian weltweit (an der Spitze: Jerry Seinfeld mit circa 1,1 Milliarden Dollar). Hart begann als Stand-up-Comedian und schaffte es ins Blockbuster-Kino («Ride Along», «Jumanji»), doch ein homophober Tweet im Jahr 2018 verhinderte seine Moderation der Oscars 2019.
Die schwulenfeindliche Äußerung ist für Roasters kein Problem, sondern eine willkommene Gelegenheit. Fehler und Skandale sind Rohstoffe für Comedians, um ihren Gast zu verspotten. Roasts dienen als humoristisches Ventil in einer Branche, die sich mit politischer Korrektheit auseinandersetzt.
Für Comedians markieren moralische Regeln die Grenzen ihrer Sprache. Wie weit darf man gehen? Wann ist ein Gag rassistisch oder sexistisch? Was ist mit Bodyshaming? Roasts erfordern keine Pietät, was sich auch in der Netflix-Show zeigte, bei der alle Teilnehmer Kevin Hart gnadenlos überzogen.
Die Show wurde von Shane Gillis moderiert, und Stars wie Tom Brady, Chelsea Handler, Regina Hall, Teyana Taylor, Pete Davidson und Dwayne «The Rock» Johnson traten auf. Gillis eröffnete mit einem Gag über Harts Ehrgeiz, Filme und Körpergröße (1,65 Meter). Auch gegenseitige Späße gab es, etwa über Tattoos oder das Sexualleben.
Besonders hervorzuheben sind zwei Auftritte: Sheryl Underwood dankte Netflix für die Redefreiheit, ein subtiler Seitenhieb auf Trumps Medienkritik. Dwayne Johnson griff hart zu und endete mit einer Liebeserklärung an Hart.
Diese Balance zwischen Häme und Zärtlichkeit fanden nicht alle Teilnehmer, doch solche Momente ohne Tabubruch sind wichtig. Denn nach einer Weile wirkt die scherzhafte Enthemmung routiniert statt originell. Comedians laufen Gefahr, als Hofnarren einer strengen Gesellschaft zu agieren und dabei die Illusion aufrechtzuerhalten, alles sei nicht so schlecht. Wer bei jeder Derbheit schnappt, verliert den Biss.
The Roast of Kevin Hart: auf Netflix (170 Minuten).