Im Badi-Kiosk von Malou und Aylin wird das Wetter durch stürmische Verkaufsaktionen überbrückt. Die beiden Kinder offerieren Holzstücke, die als Muffins dienen, verziert mit Stofftüchern für Glasur. Über ein Stoff-Telefon nehmen sie Bestellungen entgegen.
Normalerweise hätten die Mädchen im Kindergarten in Kaiseraugst AG auf eine Spielzeugküche zurückgreifen können. Doch alle Spielsachen befinden sich gerade „in den Ferien“. Während eines dreimonatigen Zeitraums verzichten die Kinder auf klassische Spielzeuge.
Die Pädagogische Hochschule Zürich untersuchte, welchen Einfluss dieser Ansatz auf die Kinder hat. Studienleiter Roger Keller konzentrierte sich dabei auf die Entwicklung bestimmter Lebenskompetenzen: “Uns interessierte, ob sich nach dem Projekt die Konfliktlösungsfähigkeit oder der Umgang mit negativen Emotionen verbessert hat.” Die Studie zeigte positive Effekte: “Die Veränderungen waren klein, aber für die kurze Zeit beachtlich”, so Keller. Er betonte zudem, dass die Lehrkräfte eine entscheidende Rolle spielen. “Am größten waren die Effekte dort, wo die Pädagogen sich von den Kindern inspirieren ließen und sie zu kreativen Lösungen anregten.”
Puzzles, Murmelbahnen, Brettspiele sowie Stifte und Malsachen werden in Kisten verpackt und weggeräumt. Was übrig bleibt, sind vielseitig einsetzbare Materialien wie Tücher, Körbe, Seile oder Möbelstücke.
In Solothurn existierte der erste spielzeugfreie Kindergarten der Schweiz vor dreißig Jahren. Seit über zwanzig Jahren koordiniert die Aargauer Suchtprävention diese Initiative. Auch andere Kantone kennen den Ansatz. Ziel ist es, Kreativität, Kommunikation und Konfliktlösungsfähigkeit zu fördern – als Schutzfaktoren gegen späteren Suchtmittelkonsum oder Verhaltenssüchte.
Marc Bachofen von der Aargauer Suchtprävention betont: “Die Kinder lernen, Langeweile auszuhalten. In dieser Langeweile entsteht Kreativität.” Um Lehrkräften den Einstieg zu erleichtern, werden im Aargau spezielle Kurse angeboten, die bereits von mehreren Hundert Personen besucht wurden.
Aina Häfliger, Mutter von Aylin, berichtet von Veränderungen auch daheim: “Aylin sammelt Nüsse und Steine und integriert sie ins Spiel.” Sie kann sich vorstellen, zu Hause ebenfalls auf Spielzeuge zu verzichten.
Lehrkräfte müssen ihren Alltag während dieser Zeit anpassen. Kindergärtnerin Christina Halada beschreibt: “Ich weiß nicht, was mich erwartet und bin hauptsächlich Beobachterin.” Wenn Konflikte auftreten, gibt es Gruppenkonferenzen. Noemi hat eine solche einberufen, nachdem ihr Geld gestohlen wurde. Die Kinder schlagen eine gerechte Aufteilung vor, doch das gestohlene Vermögen bleibt verschwunden. Stefano bietet schließlich seine eigenen Mittel an, was alle zufriedenstellt.
Die Kinder scheinen sich ohne Spielzeug wohlzufühlen. Dies zeigt sich in der Abschlussrunde des Morgens, in der sie über ihr Wohlbefinden berichten. Bis mindestens zu den Frühlingsferien bleiben die Spielsachen im Kindergarten in Kaiseraugst verpackt.
Schweiz Aktuell, 30.3.2026, 19 Uhr