Der dänische Polarforscher Knud Rasmussen (1879–1933) spielte eine entscheidende Rolle darin, Grönland zu einem Teil Dänemarks zu machen. Als Entdecker seiner Zeit wollte er unerforschte Regionen kartografieren; seine Besonderheit lag jedoch in seinem tiefen Interesse für die Inuit-Kultur.
Im Oktober 1924 wurde Rasmussen von US-Präsident Calvin Coolidge empfangen, nachdem seine Expedition den kulturellen Zusammenhang der Inuit in Grönland, Kanada und Alaska bestätigt hatte. Innerhalb von sechzehn Monaten führte er eine Reise von Nordgrönland über die Nordwestpassage bis nach Alaska durch.
Im Weißen Haus waren auch seine einheimischen Begleiter anwesend. Sören la Cour Jensen, Kurator am Knud-Rasmussen-Haus in Hundested, berichtet: “Arnarulunnguaq, eine der indigenen Weggefährten, war beeindruckt von New York, während Präsident Coolidge sie weniger faszinierte.”
Rasmussen, geboren 1879 in Jakobshavn (Ilulissat), hatte bereits früh Grönländisch gesprochen und einen Hundeschlitten besessen. Trotz seiner gemischten Herkunft neigte er zu einem eurozentrischen Blick auf die Kulturen.
Im frühen 18. Jahrhundert begann Dänemark, unter anderem in Indien und der Karibik kolonial aktiv zu werden. Der evangelische Pfarrer Hans Egede leitete ab 1721 die Missionierung Grönlands ein, um neben religiösen auch wirtschaftliche Interessen wie Tran für die Beleuchtung zu verfolgen.
Rasmussens erste Expedition begann 1902 und führte ihn nach Nordgrönland. Seine Thule-Expeditionen zwischen 1912 und 1933, bei denen er fast alle leitete, brachten ihm den Titel “Vater der Eskimologie” ein.
Der Begriff “Thule”, von dem antiken Seefahrer Pytheas inspiriert, wurde für die Region in Nordgrönland geprägt. Rasmussen dokumentierte intensiv die Inuit-Kultur und sammelte etwa 20.000 Objekte, was heute im Nationalmuseum Kopenhagen eine bedeutende Sammlung bildet.
La Cour Jensen betont Rasmussens positive Darstellung der Inuit in seinen Berichten. Der amerikanische Abenteurer Robert Edwin Peary hingegen war für seine kolonialistischen Exzesse bekannt, indem er Inuit in die USA verschleppte und ihre Körper ausstellte.
Ebbe Volquardsen hebt Rasmussens Beiträge zur Anthropologie hervor. Andererseits kritisiert er ihn als Teil des Kolonisierungsprozesses Grönlands, da seine Handelsstation die Inuit in den Austausch einband und er eine “Vermischung” der Kulturen befürwortete.
Rasmussen nutzte seinen Einfluss 1933 politisch erfolgreich im Streit um Grönland zwischen Dänemark und Norwegen. Er starb kurz danach, während er einen grönländischen Spielfilm drehte.
Anne Mette Randrup vom dänischen Arktis-Institut sieht Rasmussen als Nationalhelden, aber auch Teil des Kolonialsystems an. In Grönland wird seine Rolle kritischer betrachtet, obwohl man seine Sammlungstätigkeit würdigt.
2020 wurde die Statue von Hans Egede im Hafen Nuuks mit “Decolonize!” bemalt. Sören la Cour Jensen vermutet einen Zusammenhang zu einem Farbanschlag auf das Rasmussen-Denkmal.
Ein neues Denkmal in Nuuks Hafen ehrt nun Arnarulunnguaq, eine bedeutende Begleiterin Rassmusens, die 2028 auf einer dänischen Banknote erscheinen wird.
Volquardsen bemängelt, dass Dänen ihre koloniale Vergangenheit oft milde sehen. Nach Trumps Grönland-Aussage im Jahr 2019 hat sich das grönländische Selbstbewusstsein verstärkt. Jensen sieht in der Präsenz internationaler Militäreinheiten auf den Straßen Grönlands jedoch auch Ängste, die durch bessere internationale Beziehungen gelindert werden könnten.