Inmitten eines Korruptionsskandals bleibt Wolodimir Selenski bei seiner Linie, sich von dem Problem abzugrenzen. Er nutzt den andauernden Krieg als Mittel, um Kritik zu minimieren. Westliche Medien berichten selten über die ukrainische Korruption, was als Kontrast zum heroischen Kampf der Soldaten gesehen wird. Die Berichterstattung könnte als Ablenkungsmanöver missdeutet werden und die klare Rollenverteilung im Krieg – Ukraine als Opfer, Russland als Täter – stören.
Selenski nutzt den Konflikt zur Dämpfung von Empörung über Korruptionsvorwürfe. Als der Midas-Skandal 2022 aufgedeckt wurde und Personen aus seinem engsten Kreis involviert waren, reagierte er mit Appellen an nationale Einigkeit: «Wenn wir unsere Einigkeit verlieren, riskieren wir, alles zu verlieren: uns selbst, die Ukraine, unsere Zukunft.» Dies könnte als Aufforderung gedeutet werden, Kritik zurückzuhalten und so den Kampfgeist nicht zu schwächen.
Die Verwicklungen von Andri Jermak, Selenskis ehemaligem Stabschef, der nun verdächtigt wird, illegal Gelder abgezweigt zu haben, belasten Selenski zusätzlich. Die Nähe zwischen den beiden macht eine einfache Entkräftung des Skandals unmöglich. Weitere Schlüsselfiguren sind Timur Minditsch, der nach Israel floh; Herman Haluschtschenko, Justizminister, der über Polen fliehen wollte; und Olexi Tschernischow, ehemaliger Vize-Regierungschef, dessen familiäre Verbindung zur Familie Selenski besteht.
Diese Personen stehen im Verdacht, in eine Bestechungsaffäre um den Atomenergie-Monopolisten Enerhoatom verwickelt zu sein. Über 100 Millionen Dollar sollen dabei angenommen worden sein. Im Rahmen des «Dynastie»-Projekts waren vier Villen für Minditsch, Tschernischow, Jermak und möglicherweise Selenski selbst geplant.
Während vieles noch unklar ist, behauptet Jermak seine Unschuld. Als 2025 die Vorwürfe publik wurden, kündigte er an, sich an der Front einzusetzen. Er bereitet jedoch eine juristische Verteidigung vor und fördert sein Image durch Engagement für den «Schutz der Opfer russischer Aggression». Es bestehen auch Verdachtsmomente, dass Jermak sensible Informationen weitergegeben hat.
Selenski trat 2019 mit dem Versprechen an, die Korruption zu bekämpfen. Heute stehen seine einstigen Verbündeten unter Beschuss wegen korrupter Machenschaften. Im Schutz des Krieges versucht Selenski, sich von diesen Vorwürfen zu distanzieren und stützt sich auf seine präsidentielle Immunität.
Daria Kalenjuk, eine Antikorruptionsfachfrau, äußert in der NZZ: «Selenski ist nicht an rechtsstaatlichen Reformen interessiert. Er bevorzugt einen hierarchischen Führungsstil, bei dem ein kleiner Kreis entscheidet.» Dieses System begünstigt Korruption, besonders während des Krieges.
Als erste Vorwürfe gegen Jermak bekannt wurden und Verfahren gegen Minditsch und Tschernischow anstanden, versuchte Selenski die unabhängigen Antikorruptionsbehörden Nabu und SAP unter Kontrolle zu bringen. Er gab jedoch nach Druck von Medien, der Zivilgesellschaft und der EU nach.
Selenskis Engagement in der Korruptionsbekämpfung ist minimal und beschränkt sich auf das Notwendigste, um Unterstützung vom Volk und Europa zu erhalten. Sein Handeln deutet eher auf einen opportunistischen Politiker als auf einen verlässlichen Partner hin.
Krieg fördert Korruption, was in Krisenzeiten besonders schädlich ist. Selenskis Ansatz scheint dieser Realität zugunsten größerer Ziele nachzugeben, obwohl es auch als zynisch angesehen werden kann, da die Ukrainer den Rechtsstaat selbst verteidigen.