Durch Peter Leisingers Holzschnitzkunst wird Heinrich Bullinger aus der historischen Distanz zurück ins Menschliche geholt. Die Ausstellung im Kloster Kappel, Zürich, belebt die Zeit, als dort die Mönchsordnung aufgegeben wurde.
Im Kreuzgang des Klosters sitzt eine Holzfigur von Heinrich Bullinger an einem Tisch und schreibt mit Feder und Tintenfass. Nicht als bedeutender Kirchenführer wird er dargestellt, sondern als junger Mann in der Umbruchszeit. Im Jahr 1527 entwirft er einen 30-seitigen Heiratsantrag für Anna Adlischwyler, eine ehemalige Nonne. Hier preist er seine Vorzüge und gesteht gleichzeitig Schwächen ein: Er sei treu, aber gelegentlich ungestüm und von Kopfschmerzen geplagt. Insbesondere hebt er hervor, dass ein gottgefälliges Leben auch in der Ehe möglich ist.
Die Ausstellung besteht aus mehr als 50 Holzfiguren, die Peter Leisinger geschaffen hat. Sie verkörpern Stationen aus Bullingers Leben: ein Knabe im Schneidersitz über einem Buch, ein junger Mann bei Luthers Studien und der Achtzehnjährige, der ohne Mönchskutte nach Kappel kommt. Ein dramatisches Detail ist die Szene draußen vor der Kirche, wo Bullinger Zwingli umarmt, kurz bevor dieser in den Kampf zieht.
Der Holzbildhauer erzählt nicht als heroisches Narrativ, sondern als Weg eines jungen Mannes, der Härten überwindet und seinen Willen durchsetzt. Mit neun Jahren wurde Bullinger nach Emmerich am Rhein geschickt, wo er vormittags Geld sammeln musste, um Essen zu kaufen.
Die Schlichtheit der Holzfiguren verleiht ihnen Präsenz: Im Innenhof des Klosters wirken sie so lebendig, dass man bei Dunkelheit erschrickt. Kappel ist ein zentraler Ort für die Zürcher Reformation; hier wurden Mönche reformiert und feierten 1526 erstmals das Abendmahl nach reformierter Weise.
Zur Darstellung des Umbruchs gehört auch eine scheinbar achtlos an eine Tür gehängte, aus Holz geschnitzte Mönchskutte. Sie symbolisiert eindrucksvoll den Lebenswandelwechsel im Kloster.
Neben Aufbruch und neuen Gewissheiten erinnert der Ort auch an Konflikte, da Bullinger und seine Mitstreiter die neue Ordnung nicht ohne Widerstände etablierten. Kappel wurde später Schauplatz konfessioneller Kriege; Zwingli fiel hier 1531. Der Moment der Milchsuppe, als verfeindete Lager am gleichen Tisch saßen, steht für die Möglichkeit des Zusammenlebens trotz fortbestehender Feindschaften.
Die Ausstellung “Bullinger!” von Peter Leisinger läuft bis Freitag, 31. Juli 2026, im Kloster Kappel.