Die Französin Marie Jacquot, im Alter von 35 Jahren eine der führenden Nachwuchsdirektorinnen, debütiert mit dem Tonhalle-Orchester. Ihre Vorliebe für Risiko und Leidenschaft zeigt sich bei ihrer Premiere mit Werken von Thomas Adès und Beethoven. Nur noch einen Tag bis zur «Rosenkavalier»-Premiere in Kopenhagen bleibt Marie Jacquot, doch die Spannung scheint sie nicht zu beeinflussen. Sie freut sich auf ihre bevorzugte Oper und hebt deren Komplexität sowie das Zusammenspiel von Humor und Melancholie hervor. Seit 2024 leitet sie als Chefdirigentin die Royal Danish Opera. Jacquot sieht ein Opernhaus als Spiegel der Gesellschaft, in dem Menschen unterschiedlichster Berufe gemeinsam arbeiten – vom Pförtner bis zum Regieassistenten. Diese Zusammenarbeit könne auch gesellschaftliche Verbesserungen vorantreiben, meint sie. Nach ihrer Premiere erhält Jacquot viel Anerkennung: Sie verleiht Strauss’ Werken eine neue Lebendigkeit und führt die Königliche Kapelle Kopenhagen zu immer höheren musikalischen Höhen. Ihre Karriere hat in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen: Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker, Chefdirigentin beim WDR-Sinfonieorchester Köln ab nächster Saison und Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Debüts absolvierte sie in dieser Saison bereits beim BBC-Symphony Orchestra und am Royal Opera House London. Weitere stehen bevor, einschließlich ihrer Auftritte bei der Mailänder Scala und nun beim Tonhalle-Orchester Zürich – «einem Weltklasseorchester», wie sie betont. Jacquot schätzt den direkten Kontakt mit einem Orchester: Manches Mal funktioniert es sofort, manchmal braucht es Zeit. Ihre klare Herangehensweise an Musik und Tatkraft zeigten sich bereits im Alter von zehn Jahren, als sie nach dem Hören eines Posaunensolos diese Instrumente lernte. Tennis war ihre Leidenschaft, bis sie mit 15 Jahren den Schläger beiseitelegte. Stattdessen fand sie in einem Blasorchester Gemeinschaft und begann erste Dirigiererfahrungen zu sammeln. In Wien studierte sie bei Uroš Lajovic und dirigiert rund 100 Uraufführungen, wobei ihre Deutschkenntnisse ebenfalls verbessert wurden. Die Empfehlung für eine musikalische Assistenz führte zu ihrer Karriere in der Oper: Erste Kapellmeisterin in Würzburg, dann an der Deutschen Oper am Rhein. Sie vertiefte ihr Studium bis 2018 unter Nicolás Pasquet und Ekhart Wycik. Ihre Tennisvergangenheit beeinflusst ihre Dirigierkörperlichkeit: die Unabhängigkeit der Arme, große Energie bei Impulsen. Ihr Lieblingsspieler Roger Federer inspiriert sie mit seiner Spielästhetik – doch klarheitvolle Zeichengebung ist entscheidend. Nun steht ihr Debüt in Zürich an. Mit Adès’ «The Tempest» und Mussorgskys «Bilder einer Ausstellung» zeigt sie ihren theaterorientierten Ansatz. In Beethovens Violinkonzert unterstützt sie den Solisten Augustin Hadelich, da sie lieber im Hintergrund bleibt. Jacquot möchte Raum für die Musiker schaffen, ihre Emotionen zu zeigen – ein Konzert soll risikoreich und voller Engagement sein. «In den Proben bauen wir die Säulen», erklärt sie. Im Konzert kann daraus ein «verrücktes Designhaus» entstehen, das nur für einen Tag besteht.