Jürg Vögtli, der lange bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) tätig war, äußert sich zu den Herausforderungen ihrer Arbeit. Die Kesb Oberland West hatte einen schwer kranken Mann im Blick, nachdem dieser in Kerzers ein Massaker anrichtete. Obwohl er einen Beistand hatte, wurde seine Gefährlichkeit nicht erkannt. Vögtli kennt die Praxis der Kesb seit ihrer Gründung 2013 und hat als Leiter der Amtsvormundschaft Brugg gearbeitet. Derzeit ist er reformierter Pfarrer in Wohlen-Villmergen.
Die Kesb beschäftigt sich oft mit Menschen, die Unterstützung benötigen, wie es im Fall Kerzers der Fall war. Allerdings hat sie nicht primär die Aufgabe, Straftaten zu verhindern. Vögtli betont, dass eine freiheitliche Gesellschaft keine präventiven Massnahmen gegen potenziell gefährliche Menschen tolerieren würde. Früher gab es weniger Freiheiten und mehr Repression, was heute nicht länger akzeptabel ist.
Im Kindesschutz wird die Kesb bei Eingriffen schnell kritisiert, obwohl manchmal auch unpopuläre Massnahmen notwendig sind. Bei Erwachsenen kann Zwang nur in drastischen Fällen angewandt werden, wenn eine fürsorgerische Unterbringung zwingend notwendig ist.
Die Kesb setzt heute auf ein Netz von unterstützenden Diensten statt auf Repression. Sie arbeitet mit Fachpersonen zusammen, um abzuklären, ob jemand sich selbst oder andere gefährdet. In kritischen Fällen kooperiert die Kesb mit der Polizei und den Strafverfolgungsbehörden.
Im Fall Kerzers gab es Warnzeichen, doch nichts geschah. Die Verantwortung des Beistands bleibt unklar. Für vermögensrechtliche Schäden haftet der zuständige Kanton, aber auch strafrechtliche Konsequenzen sind möglich.
Vorwürfe gegen die Kesb und den Beistand im Fall Flaach führten zu einer Belastung für alle Beteiligten. Ein Gutachten entlastete später die Kesb von jeglicher Vorhersehbarkeit der Tat.
Im Fall Kerzers gibt es bisher keine Schuldzuweisungen, was auf das noch nicht vollständig bekannte Geschehen zurückzuführen sein könnte.
Vögtli sieht keine Tendenz zur Repression bei der Kesb. Die Arbeit ist durch die zunehmende Vielfalt und Komplexität der Gesellschaft anspruchsvoller geworden. Die Verständigung in diversen Kulturen, vielfältigen Familienmodellen und die Betreuung älterer Menschen stellen zusätzliche Herausforderungen dar.
Die Kesb kämpft mit Personal- und Ressourcenmangel, was Kontinuität erschwert. Trotz früher Kritik an der Behörde hat sich die Akzeptanz inzwischen verbessert. Vögtli ist erleichtert darüber, dass der Widerstand gegen die Kesb nachgelassen hat.
In Krisenzeiten sind persönliche Probleme oft präsenter als globale Konflikte.