Im Zuge der sogenannten Midas-Affäre gerät Andri Jermak, einst zweitmächtiger Mann in der Ukraine, zunehmend unter Druck. Der ukrainische Anti-Korruptions-Büro (Nabu) hat den 54-jährigen Jermak nun offiziell als Verdächtigen benannt und informierte ihn über die Vorwürfe: Es wird angenommen, dass illegale Gelder in Höhe von neun Millionen Dollar durch den Geschäftsmann Timur Minditsch gewaschen wurden. Diese Mittel sollen in das Bauprojekt «Dynastie» im Datschen-Vorort Kosin ausserhalb von Kiew geflossen sein. Laut Ermittlungen entstand dort ab 2021 eine Siedlung mit vier Luxusvillen, von denen angenommen wird, dass sie für Minditsch, Olexi Tschernischow und Jermak vorgesehen waren. Alle drei stehen Präsident Wolodimir Selenski nahe; es kursieren Spekulationen, die vierte Villa könnte ihm gehören. Ob diese Immobilien tatsächlich in deren Besitz sind oder ob dies nur eine Annahme der Ermittler ist, bleibt ungeklärt.
Die Affäre um Bestechung im Energiesektor begann im November des Vorjahres, als Minditsch ins Ausland floh und Justizminister Herman Haluschtschenko zurücktrat. Der frühere Vizeministerpräsident Tschernischow wurde in Untersuchungshaft genommen. Jermak, der langjährige Stabschef Selenskis, trat erst nach Bekanntwerden seiner Verdächtigung von seinem Posten zurück.
Selbst wenn Präsident Selenski nicht direkt in den Ermittlungen steht, wie das Nabu betonte, belastet die Affäre seine politische Position. Die Trennung von Jermak erfolgte nur unmittelbar bevor dies unausweichlich wurde. In seinen fünf Jahren als Schlüsselfigur im System Selenski war Jermak in Personal- und sogar militärische Entscheidungen involviert.
Die Formulierung Jermaks als Verdächtiger ist ein Schritt hin zu einer möglichen Anklage, obwohl ein Prozess noch weit entfernt scheint. Selenski muss befürchten, dass weitere belastende Details während der Ermittlungen ans Licht kommen könnten. Der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko sieht darin eine Zeitbombe für den Präsidenten. Obwohl seine Zustimmungswerte hoch bleiben, könnte die Affäre in einem künftigen Wahlkampf nach dem Krieg problematisch werden und die Beziehungen zur EU, der Beitritt wird angestrebt, belasten.