Singapur erweitert die Anwendung von körperlicher Züchtigung im Schulsystem auf den Bereich des Mobbings. Diese Maßnahme ist nicht neu, da der Stadtstaat seit Jahrzehnten an der Praxis festhält und sogar 2010 einen Schweizer mit dem Rohrstock bestrafte.
Das Bildungsministerium Singapurs kündigte am Dienstag (5. Mai) im Parlament ein einheitliches Disziplinarsystem ab 2027 für alle Schulen an, um Mobbing und Cybermobbing zu bekämpfen. Der Minister Desmond Lee erklärte, dass der Rohrstock als letztes Mittel bei schwerwiegenden Fehlverhalten eingesetzt wird: “Wenn andere Maßnahmen nicht ausreichen, setzen unsere Schulen den Rohrstock ein.” Die Richtlinien besagen, dass die Strafe nur für schwere Vergehen wie Schlägereien oder Vandalismus sowie bei wiederholten leichten Verstößen verhängt wird.
Typischerweise erfolgt die Züchtigung mit einem bis zu 120 Zentimeter langen Rattanstock durch ein bis drei Hiebe auf Gesäß oder Handflächen, während sich der Schüler über einen Tisch beugt. Diese Strafe betrifft nur Jungen; Mädchen werden stattdessen nachsitzen oder suspendiert.
Die Regierung begründet ihre Politik mit Studien, die besagen, dass klare Regeln und konsequente Konsequenzen bessere Entscheidungen bei Kindern fördern. Im Gegensatz dazu stellt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest, dass körperliche Bestrafung negative Auswirkungen auf Kinder hat, darunter gesundheitliche Störungen und Verhaltensauffälligkeiten. Die WHO argumentiert, dass Prügelstrafen das Recht auf Unversehrtheit verletzen, wie in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 festgelegt.
Trotz internationaler Normen zur Abschaffung körperlicher Züchtigung ist diese in etwa sechzig Ländern weiterhin erlaubt oder toleriert. Auch Singapur setzt die Praxis seit Jahrhunderten fort, die im nationalen Schulreglement von 1957 verankert ist.
Die britische Kolonialherrschaft brachte das System der Bestrafung mit Schlaginstrumenten nach Singapur und benachbarte Regionen. Nach der Unabhängigkeit wurde seine Anwendung sogar erweitert. Heute ist die Rohrstockstrafe nicht nur in Schulen, sondern auch im Strafvollzug und Militär vorgesehen.
Der Fall des Amerikaners Michael Fay 1994 lenkte internationale Aufmerksamkeit auf Singapur. Nach weltweiter Kritik reduzierte das Land seine Strafe von sechs Hieben auf vier, die letztlich vollstreckt wurden. Auch ein Schweizer, Oliver Fricker, erhielt 2010 wegen Vandalismus drei Rohrstockhiebe trotz diplomatischer Interventionen.
Die Praxis zeigt, dass Singapur auch bei international beachteten Fällen von Ausländern an seiner strengen Rechtsprechung festhält.