Der Eurovision Song Contest (ESC) wird jährlich diskutiert, ob Länder Punkte gegenseitig zuschanzen. In Moldau führte eine Juryentscheidung jedoch zu bemerkenswerten politischen Folgen: Der Leiter des öffentlich-rechtlichen Senders trat zurück, nachdem die Jury Rumänien nur wenige und der Ukraine gar keine Punkte gegeben hatte. Irving Wolther, ESC-Forscher, erläutert die Entstehung dieser politischen Affäre.
Irving Wolther, ein Sprach- und Kulturwissenschaftler, promovierte 2006 über den ESC an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Seitdem wird er als “Dr. Eurovision” bezeichnet. Er unterrichtet seit 2008 Public Relations für Musikwettbewerbe im Rahmen des Hannover Song Contests.
Im Gespräch mit SRF News erklärt Wolther: Die politische Dimension des ESC erreichte hier eine neue Ebene. Der Druck durch das Internet und der Shitstorm führten zum Rücktritt des moldauischen Fernsehchefs, was nicht allein auf die Meinungen in den Social-Media-Foren zurückzuführen ist. Wahrscheinlich gab es auch Signale aus höheren politischen Ebenen.
Die Diskrepanz zwischen Jury- und Publikumswerten fällt ins Auge: Rumänien erhielt von der Jury nur drei Punkte, während das Publikum zwölf vergab. Die Ukraine bekam keine Punkte. Solche Abweichungen sind beim ESC üblich.
Ein ähnliches Beispiel ereignete sich 2013, als Aserbaidschan Russland keine Punkte gab, der Ukraine jedoch die vollen zwölf. Dies könnte als Zeichen für Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber dem großen Bruder Russland interpretiert werden.
Oft zeigt das Juryvoting eher Abneigungen als Freundschaften: Aserbaidschan verweigert Armenien konsequent Punkte und umgekehrt. In beiden Ländern ist die politische Lage angespannt, was sich auf die Jurysitzungen auswirkt.
Traditionell vergibt Moldau Rumänien regelmäßig hohe ESC-Punktzahlen. Die Entscheidung der Jury widersprach dem politischen Wunsch in Moldau, näher an Rumänien und die EU heranzurücken. Dies könnte den Unmut über das Votum erklären.
Der Rücktritt des TV-Chefs deutet auf mangelnde Unabhängigkeit hin. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) bemüht sich, ihre Mitgliedsanstalten unabhängig zu halten. Ein solcher politischer Druck wirft Fragen innerhalb der EBU-Senderfamilie auf.
Obwohl kein Regelverstoss vorliegt, ist dies ein beunruhigendes Zeichen für den Zustand europäischer Gesellschaften. Öffentlich-rechtliche Sender stehen unter Druck und die Konsequenzen aus einer demokratischen Entscheidung der Jury zeigen einen Rückschritt in Bezug auf Demokratie.
Das Interview führte Sofia Fässler für SRF 4 News am 20.05.2026 um 6:46 Uhr.