Die Präsenz von Frauen in Führungsetagen ist gestiegen, doch Wirtschaftsprofessorin Margit Osterloh argumentiert, dass die Frauenquote letztlich schadet. In ihrem neuen Buch fordert sie eine Überdenkung der bisherigen Haltung als ehemalige Befürworterin. Margrit Osterloh, geboren 1943, ist eine renommierte deutsche Ökonomin. Sie war bis zu ihrer Emeritierung im Jahr 2009 als ordentliche Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Zürich tätig und leitete die Gleichstellungskommission dieser Universität. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen unter anderem den Aufstieg von Frauen in Führungspositionen, und sie ist Mitbegründerin des Thinktanks CREMA. SRF News: Frau Osterloh, der Anteil von Frauen in Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen steigt. Ist das nicht ein Erfolg? Margrit Osterloh: Quantitativ gesehen hat die Quote gewirkt; der Frauenanteil ist gestiegen. Das ist positiv, hat aber auch neue Fragen aufgeworfen, etwa ob eine solche Maßnahme weiterhin notwendig ist. Sie lehnen dies ab. Ihre neueste Studie zeigt, dass Frauen in Führungspositionen schneller wechseln als ihre männlichen Kollegen. Die Daten sind eindeutig: In den Geschäftsleitungen der größten Unternehmen bleiben Frauen im Durchschnitt nur etwa halb so lange wie Männer – rund drei bis vier Jahre. Dies schränkt die Möglichkeiten von Frauen ein, Erfahrung zu sammeln und sich gegen besser vernetzte männliche Kollegen durchzusetzen. Ein Grund liegt in der Quote selbst: Firmen rekrutieren Frauen oft extern, um die Quote zu erfüllen, was zu einem „gläsernen Lift“ führt. Externe Beförderungen sind häufiger als interne Aufstiege; dort konkurrieren sie mit erfahrenen Männern. Sie beschreiben eine „Leaky Pipeline“, bei der es an Frauen in höheren Positionen mangelt. Warum? Früher war die Diskriminierung der Hauptgrund, heute sind Präferenzen entscheidend. Auch wenn Frauen hoch qualifiziert sind, streben sie seltener nach Führungsrollen als Männer. Mit zunehmender Gleichberechtigung differenzieren sich diese Präferenzen sogar eher. Sie meinen, dass weniger Frauen in Machtpositionen heute an den eigenen Entscheidungen liegen? Ja, das sehen wir auch in der Glücksforschung: Weniger Verdienst und mehr Care-Arbeit beeinträchtigen nicht ihr Glück. Frauen müssen ihre Wünsche selbst bestimmen. Es gibt Bestrebungen, Diversitätsprogramme einzuschränken. Wenn die Quote aufgehoben würde, könnte der Frauenanteil sinken. Wie beurteilen Sie das? Der Anteil könnte gleich bleiben, aber wenn Frauen in Positionen gebracht werden, in denen sie Schwierigkeiten haben sich zu behaupten – erkennbar an ihrer kürzeren Verweildauer in Führungspositionen – ist das ein Problem und sollte überdacht werden. Mit über 80 Jahren engagiert sie sich leidenschaftlich in dieser Debatte. Ist Provokation ihr Ziel? Es fasziniert mich, wissenschaftliche Ergebnisse zu präsentieren, die überraschen. Im hohen Alter kann mir niemand mehr schaden.