In den letzten Jahren hat sich der Begriff Narzissmus im alltäglichen Sprachgebrauch weit verbreitet, obwohl Studien zeigen, dass es weniger narzisstische Persönlichkeiten gibt als angenommen. Die Kolumne «Psychologie des Alltags» beleuchtet diese Diskrepanz.
Wer kennt sie nicht: den Chef, der die Wahrheit verzerren kann, die Freundin, die stets im Mittelpunkt stehen will, oder den Ex-Partner, der nie um Verzeihung bittet. Oft werden solche Menschen als Narzissten bezeichnet, doch die wissenschaftliche Sichtweise zeigt eine andere Richtung.
Trotz einer zunehmenden Alltagsdiagnose von narzisstischen Zügen zeigen Forschungsdaten einen Rückgang dieser Merkmale. Die amerikanische Psychologin Jean Twenge hatte 2008 mit ihrer Studie über US-College-Studenten und dem Narcissistic Personality Inventory (NPI) eine «Narzissmus-Epidemie» diagnostiziert, was medial viel Beachtung fand.
Jedoch ergab eine umfassende Auswertung von NPI-Daten der Universität Wien aus 55 Ländern mit über 546.000 Teilnehmenden, dass sich die Selbstbeschreibung als einzigartig oder überlegen weltweit in den letzten vier Jahrzehnten nicht gesteigert, sondern leicht reduziert hat.
Gleichzeitig vollzieht die klinische Diagnostik eine Wende: Die narzisstische Persönlichkeitsstörung, die hauptsächlich nordamerikanischen Ursprungs ist und in der ICD-10 noch aufgeführt war, taucht in der aktualisierten Version ICD-11 von 2022 nicht mehr auf. Stattdessen fokussiert sich das System darauf, wie Persönlichkeitsmerkmale den Alltag einer Person beeinflussen.
In der Fachwelt wird somit der Narzissmusbegriff zugunsten einer differenzierteren Betrachtung von Persönlichkeitsstörungen zurückgedrängt. Diese Entwicklung steht im Kontrast zur allgemeinen Wahrnehmung, von Narzissten umgeben zu sein – ein Phänomen, das als «concept creep» bezeichnet wird und die Ausweitung psychologischer Begriffe in den Alltag beschreibt.
Die Aneignung solcher Fachtermini durch die Alltagskultur kann hilfreich sein, wenn sie Menschen neue Worte für zwischenmenschliche Erfahrungen bieten. Doch birgt sie auch das Risiko, eine differenzierte Betrachtung zu verlieren, wenn ein Etikett wie «Narzisst» komplexe Verhaltensweisen vereinfacht.
Franca Cerutti, Psychotherapeutin und Autorin, reflektiert dies aus ihrer Perspektive. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, und ohne Kaffee fühlt sie sich nicht ganz als sie selbst.