In der Ära des Smartphone-Alltags sind Displays zu den Hauptfenstern für die Welt geworden. Anstatt einen Blick nach draußen zu werfen, bevorzugen viele Menschen die Wetter-App. Als diese im Jahr 2023 wegen eines Server-Ausfalls vorübergehend offline war, sorgte das weltweit für Verwirrung. Millionen Nutzer standen plötzlich ohne Orientierung da und sprachen von einem «Blindflug». Der Homo digitalis sieht sich eher auf dem Display als aus dem Fenster um. In der heutigen digitalisierten Welt hat das Fenster seine Rolle als Informationsquelle verloren. Menschen, die so stark an ihre Geräte gebunden sind, dass sie ihre Umgebung ignoriert wird, laufen gedankenverloren an Schaufenstern vorbei. Selbst in Zügen schauen Reisende seltener auf die Landschaften, sondern fixieren sich auf Smartphones oder Laptops. Die großzügigen Glasfronten von Zügen bieten keine Anziehung mehr. Ähnlich verhält es sich im Flugzeug: Passagiere konzentrieren sich auf ihre Geräte statt durch die Fenster zu schauen. Crews weisen aus Sicherheitsgründen oft an, während Start und Landung die Fensterläden geschlossen zu halten, damit Notausgänge besser sichtbar bleiben. Die Fluggesellschaft Emirates hat in der First Class ihrer Boeing 777 virtuelle Fenster eingebaut, sodass auch mittlere Passagiere eine Aussicht haben. HD-Displays simulieren dabei die Außenansicht. Das Display ist zum zentralen Zugang zur Welt geworden – inklusive lokaler Ereignisse: Man sieht über Apps, wer in der Nachbarschaft ein Fahrrad verkauft oder wo gerade ein Schauer aufzieht. Im Internet entstand eine voyeuristische Neugierde: Menschen beobachten das Leben anderer durch Plattformen wie Instagram-«Stories» und Livestreams. Die Bloggerin Enise Nur Akgün bemerkt, dass soziale Netzwerke zu neuen Fenstern zum Nachbarn geworden sind. Sie beschreibt moderne Einsamkeit als Antrieb für den Wunsch, am Leben anderer teilzuhaben. Das Betrachten fremder Alltagsvideos vermittelt ein Gefühl der Nähe, vergleichbar mit dem Beobachten von Nachbarn durch das Fenster. Diese digitale Praxis wird zunehmend gesellschaftlich akzeptiert und stellt den traditionellen Fenstergucker unter Verdacht: Er gilt schnell als altmodisch. Doch das Schauen aus dem Fenster bietet eine Form der Kontemplation, die in unserer Aufmerksamkeitsökonomie verloren gegangen ist. Studien zeigen, dass dieser Blick Stress reduzieren und das emotionale Wohlbefinden steigern kann – ein Effekt, den Bildschirme nicht bieten. Der Ausblick schärft die Sinne und öffnet eine Welt ohne algorithmische Vorsortierung. Hier gibt es keine schnellen Wechsel oder Dopamin-Kicks; alles ist ungeplant und zufällig: Menschen gehen vorbei, Autos fahren vorbei, Wolken ziehen vorüber. Das Ertragen von Ennui durch das stundenlange Schauen aus dem Fenster bedeutet, den Drang nach Ablenkung zu überwinden. In einer Welt voller Zerstreuungen ist das Aus-dem-Fenster-Schauen das neue Slow TV – ein analoges Medium, das entschleunigt und informiert, etwa darüber, ob es regnet.