Es ist keine Seltenheit, dass verurteilte Täterinnen und Täter ihre Unschuld trotz schwerwiegender Nachweise beteuern. Jérôme Endrass, ein Experte für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, beleuchtet die psychologischen Hintergründe dieses Verhaltens.
Seit 2011 ist Jérôme Endrass Co-Leiter der Arbeitsgruppe für Forensische Psychologie und seit 2019 Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug. Er erklärt, dass die kognitive Dissonanz eine zentrale Rolle spielt: Das Selbstbild steht oft im Gegensatz zu den gerichtlichen Feststellungen, wodurch der Täter an seiner Unschuld festhält.
Persönlichkeitsmerkmale wie ausgeprägter Narzissmus verstärken dieses Verhalten. Personen mit einem übertriebenen Selbstbild empfinden die Infragestellung als Bedrohung und verteidigen ihre Identität vehement. Dies führt dazu, dass sie trotz drohender negativer Konsequenzen an ihrer Unschuld festhalten.
Forensiker finden es spannend, wie stark der Wunsch nach einem positiven Selbstbild über objektive Nachteile dominiert und welche psychologische Bedeutung der Schutz des Selbstwerts hat. Oft ist dies eine Form von Selbsttäuschung, um Dissonanzen zu vermeiden.
Endrass bemerkt, dass besonders Täterinnen und Täter schwerwiegender Verbrechen wie Mord oder Sexualdelikte sowie Personen mit hohem sozialen Status dazu neigen, ihre Unschuld hartnäckig zu behaupten. Diese Haltung beeinflusst die Prognose nicht unbedingt negativ; in einigen Fällen kann sogar ein positives Selbstbild zur Rückfallvermeidung beitragen.
Sibilla Bondolfi führte das Gespräch, aus dem hervorgeht, dass auch Unschuldige manchmal falsche Geständnisse ablegen. Motive hierfür können der Wunsch nach Aufmerksamkeit oder die Absicht sein, den Ermittlern zu gefallen.
Quelle: Saul M. Kassin,False Confessions: Causes, Consequences, and Implications for Reform
SRF 1, True Crime Schweiz, 4.5.2026, 23:05 Uhr