Unter einem stürmischen Himmel wird James Kamau von rund zweihundert Menschen verabschiedet. Im Kiambu County, nördlich von Nairobi, stehen die Angehörigen und Freunde dicht gedrängt unter Planen auf rotem, durchnässtem Boden. Ein Sarg fehlt; an seiner Stelle ein großes Plakat mit Kamau in Militärkleidung und einem Gewehr. Diese Zeremonie wird als “Mock Burial” bezeichnet – eine Beerdigung ohne Leichnam. Seine Schwester spricht, Stimme gebrochen: “Er war mein bester Bruder, nun hat ihn Russland uns weggenommen.” Ein Cousin äußert sich: “Er fiel in einem ihm unbekannten Krieg.” Ein Freund betrachtet das Plakat und fügt hinzu: “Er hasste Waffen. Jetzt kennt man ihn nur so.”
Die Trauer mischt sich mit der Frage, wie ein junger Mann aus dieser Region an einen Ort gelangen kann, an dem er stirbt, ohne dass seine Familie ihn je zurückholen kann.
Laut UNO stammen die Betroffenen aus verschiedenen afrikanischen Ländern wie Uganda, Kenia, Kamerun, Nigeria und Südafrika. Komplexe Netzwerke sorgen für Visa und Flüge, Vermittler knüpfen Kontakte und soziale Medien verbinden Angebot und Nachfrage.
Dancan Chege, ein Lastwagenfahrer aus Nairobi, der Gemüse nach Mombasa liefert, sah in einem Jobangebot als Wachmann eine Chance. Eine Vermittlerin überzeugte ihn mit dem Versprechen von Arbeit in Russland. In wenigen Tagen erhielt Chege ein Visum und später ein Ticket. “Ich dachte an ein Jahr Arbeit und den Lohn für drei Jahre”, sagt er.
In Moskau empfängt ihn zunächst der Schein eines besseren Lebens – Unterkunft, Essen. Doch dann wird ihm ein russischer Vertrag vorgelegt, den er nicht versteht. Druck setzt sich durch; er unterschreibt blind.
Bald darauf findet Chege sich in einem Trainingslager wieder, lernt zu schießen und Befehle zu befolgen – alles auf Russisch. Seine Aufgabe: Videos für Rekrutierungen drehen, um das Schicksal weiterer junger Männer aus Afrika zu besiegeln.
Nach wenigen Wochen wird Chege in die “rote Zone” der Ukraine geschickt. Er erinnert sich an Kälte und Leichen. Der Auftrag war einfach: Töten, wer kein russischer Soldat ist. Viele sterben nach Monaten oder sogar Wochen.
Chege versucht zu fliehen, bittet um Rückkehr – vergeblich. In Verzweiflung spielt er krank und wird schließlich in ein Militärspital gebracht. Von dort beginnt seine Flucht zurück nach Kenia, unterstützt von einem fremden Freund.
Zurück in der Heimat findet Chege sich ohne Geld wieder; die Albträume überleben ihn. In Kenia nimmt Druck auf die Regierung zu: Proteste und Medienberichte fordern Aufklärung.
Die kenianische Regierung reagiert, indem sie dubiose Vermittlungsagenturen schließt und Betroffene zurückholt. Der Aussenminister traf sich mit seinem russischen Kollegen, um weitere Rekrutierungen zu verhindern. Rückkehrer erhalten Amnestie, obwohl rechtlich Strafen drohen.
Während James Kamau in seiner Heimatstadt beigesetzt wird und Dancan Chege überlebt hat, wartet Jack Oduk in Nairobi auf Nachrichten von seinem Bruder Moses, der zuletzt weinend vor einer Fronteinsatz-Aufforderung floh. Im schmalen Raum seines Slum-Daseins hält er das Handy fest, als könnte es jeden Moment ein Lebenszeichen bringen.