Die Vereinten Nationen stehen wie nie zuvor unter Druck. Ihre finanzielle Situation ist kritisch, ihre Handlungsfähigkeit schwindet und ihr Nutzen wird in Frage gestellt. Trotz dieser Schwierigkeiten hält es Pascale Baeriswyl für lohnenswert, sich für die UNO einzusetzen. Die Schweizer Botschafterin am UNO-Hauptsitz in New York zieht Bilanz nach sechs Jahren im Amt. Geboren 1968 in Bern, ist Pascale Baeriswyl Juristin, Historikerin und Diplomatin. Von 2016 bis 2019 war sie Staatssekretärin im Aussendepartement EDA. Danach wurde sie vom Bundesrat zur Leiterin der Schweizer Ständigen Mission bei den UNO in New York ernannt. Im Interview mit SRF News erinnert sich Baeriswyl an positive Beispiele der UNO-Arbeit: Eine Reise mit dem Sicherheitsrat nach Kongo zeigte, dass UNO-Friedensmissionen es Kindern ermöglichen, sicher zur Schule zu gehen und Ernten einzufahren. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Friedensoperationen die Bevölkerungschutzmaßnahmen verbessern. Ein weiteres Beispiel ist eine geplante Polio-Epidemie im Gazastreifen, die durch UNO-Druck verhindert wurde. Unicef impft bis heute etwa 45 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren weltweit mit drei Milliarden Impfdosen pro Jahr, was täglich Leben rettet. Die Wahrnehmung der UNO in Medien und Politik ist oft von Begriffen wie Ohnmacht und Krise geprägt. Baeriswyl sieht jedoch auch Hektik und stetiges Verhandeln, die zu Kompromissen führen, als Teil der Realität. Die UNO spiegelt eine komplexe Welt wider, in der sie nicht abseits steht. Mike Waltz, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, fordert Reformdruck aus Washington. Baeriswyl betont jedoch, dass die UNO bereits im größten Reformprozess ihrer Geschichte steckt: Sie hat beim Budget sieben Prozent und bei Personalkosten 19 Prozent eingespart. Um handlungsfähig zu bleiben, sollten alle Mitgliedstaaten ihre Beiträge leisten. Es besteht die Sorge, dass die UNO auf eine rein diskursive Rolle reduziert wird. Baeriswyl glaubt jedoch an den Einfluss der UNO auf globale Problemlösungen durch Dialog und Kompromisse. Sie betont die Wichtigkeit, dass dieser Dialog zu konkreten Aktionen führt. Die Schweiz steht entschieden hinter der UNO, was im eigenen Interesse liegt und verfassungsrechtlich festgelegt ist. Baeriswyl meint, mehr Engagement sei möglich, aber jede Nation habe Schwachstellen. Das schweizerische Engagement wird geschätzt, auch als Gaststaat in Genf. Das Gespräch führte Fredy Gsteiger.