Eine Studie der Universität Lausanne hat enthüllt, dass mindestens 4175 menschliche Schädel und zusätzliche Skelettteile aus kolonialen Kontexten in Schweizer Institutionen lagern. Diese Überreste stammen nicht aus archäologischen Funden innerhalb der Schweiz, sondern wurden im 19. Jahrhundert für Forschungszwecke aus Afrika, Asien, Ozeanien und den Amerikas erworben.
Historiker Bernhard C. Schär, Mitautor der Studie, betont, dass die Schweiz pro Kopf mehr solcher Überreste aufweist als Deutschland, das früher Kolonialmacht war. Während in deutschen Depots absolut gesehen mehr Schädel vorhanden sind, übertrifft die Dichte dieser Sammlungen in der Schweiz deutlich.
Die ‘Stiftung Preußischer Kulturbesitz’ plant die Rückgabe von etwa 600 Schädeln nach Westafrika – speziell nach Kamerun, Togo und Ghana. Diese Überreste stammen aus ehemaligen deutschen Kolonien und umfassen unter anderem Schädel verstorbener Arbeiter und Hingerichteter vom Eisenbahnbau in Kamerun.
Der deutsche Kulturstaatsminister Wolfram Weimer betont, dass die Rückführung dieser Überreste eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung des Kolonialismus spielt. Die Schädel gehören zur historischen Sammlung der Berliner Universitätsklinik Charité.
In der Schweiz gibt es laut Schär aufgrund einer hohen Dichte an wissenschaftlichen Institutionen und Universitäten viele solcher Überreste. Bekannte Forscher wie Fritz und Paul Sarasin in Basel sowie Rudolf Martin und Otto Schlaginhaufen in Zürich haben sich mit ihrer Arbeit im Bereich der Rassenforschung international einen Namen gemacht.
Die Studien von Historiker Pascal Germann beleuchten den ideengeschichtlichen, politischen und wirtschaftlichen Kontext der Schweizer Rassenforschung. Finanzstarke Schweizer Stiftungen unterstützten diese Forschungen, die in Eugenik-Projekten Anwendung fanden. Die internationale Nutzung dieser Forschungen und deren Nachwirkungen werden ebenfalls untersucht.
Bernhard C. Schär konzentriert sich in seinen Untersuchungen besonders auf die Basler Naturforscher Paul und Fritz Sarasin, analysiert ihre Forschungsreise nach Sulawesi sowie ihren Sammelwahn und ihre wissenschaftlichen Erfolge.
Schweizer Wissenschaftler waren bedeutend im internationalen Austausch von Ideen und Ergebnissen in der Rassenforschung und Genetik involviert. Heute steht die Frage im Vordergrund, woher diese Schädel stammen und was mit ihnen geschehen soll. Seit 2007 regelt eine UN-Resolution den völkerrechtlichen Umgang mit ‘human remains’ und bestätigt das Recht indigener Gesellschaften auf ihre Ahnenüberreste.
Laut Bernhard C. Schär ist die Rückgabe der Schädel durch die ‘Stiftung Preußischer Kulturbesitz’ ein wichtiger erster Schritt, reicht aber nicht aus. Wichtiger sei es, das Bewusstsein zu schaffen, dass die Schweiz über 150 Jahre Verbindungen zu ehemaligen Kolonien unterhält und dass diese Beziehung zukünftig gerechter gestaltet werden muss. Dies umfasst auch eine gemeinsame Erforschung der Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, einschließlich indigenen Wissens.
Radio SRF2 Kultur, Kultur-Aktualität, 12.5.2026, 17:20 Uhr