Die ungarischen Wähler haben mit großer Mehrheit die Regierung von Viktor Orban abgelehnt. Sein Herausforderer Peter Magyar konnte landesweit Unzufriedenheit erfolgreich bündeln.
Zur Einordnung: Die Tisza, Ungarns zweitgrößter Fluss nach der Donau, zieht sich über 600 Kilometer durch das Land. Das Kürzel Tisza wurde für die im Jahr 2020 ins Leben gerufene Partei “Tisztelet es szabadsag” (Respekt und Freiheit) verwendet, was ihre Bekanntheit förderte.
Peter Magyar, ein 42-jähriger Jurist und ehemaliges Mitglied der Regierungspartei Fidesz ohne bedeutende Positionen, wurde 2023 deren Parteichef. Zuvor war er mit der Einflussreichen Justizministerin Judit Varga verheiratet, doch nach ihrer Trennung und dem anschließenden Familienzerfall im Jahr 2023 gerieten sowohl private als auch politische Skandale in die Schlagzeilen. Magyar wurde für heimlich aufgenommene Aufnahmen kritisiert, die sowohl persönliche Konflikte als auch interne Regierungsdiskussionen offenlegten.
Aufgrund der Affäre verließ Magyar Fidesz und gründete seine eigene Partei Tisza. Seine öffentlichen Kritiken an Orban führten zu steigender Unterstützung, sodass Tisza bei den Europawahlen 2024 mit 29,5 Prozent der Stimmen sieben Sitze im Europaparlament gewann.
Trotz lockerer Strukturen und fehlender festgelegter Agenda entwickelte sich Tisza zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft. Mit seiner zentristisch-rechten Rhetorik, die teilweise an Fidesz erinnerte, gewann Magyar insbesondere in ländlichen Gebieten Wähler, die mit der Performance von Orbans vierten Amtszeit unzufrieden waren.
Orbans 16-jährige Herrschaft wurde zunehmend kritisch gesehen. In einer Rede von 2010 sprach er offen über den Aufbau eines zentralisierten Regierungssystems, das seine Ziele ohne Diskussion durchsetzen sollte. Diese Monopolansprüche wurden schließlich am 12. April vom Volk zurückgewiesen.
Faktoren wie die schleppende Sozialpolitik, anhaltende Armut und ein marodes Gesundheitssystem trugen zum Wahlerfolg Magyars bei. Ein weiterer Punkt war die weitverbreitete Korruption im Staatlichen Sektor, gegen die nur wenig ermittelt wurde.
Während des Wahlkampfs waren die Vertreibung der Central European University nach Wien und der Wechsel in der Schauspiel-Universität besonders umstritten. Zudem verfolgte Orban eine Politik, die zunehmend anti-europäisch und pro-russisch war. Wahlplakate mit kritischen Darstellungen von EU-Figuren zogen Aufmerksamkeit auf sich.
Trotz Propaganda-Attacken gegen Magyar und Warnungen vor einem Kriegseintritt durch eine neue Regierung kam es zu einer unerwarteten Wendung, als US-Vizepräsident J. D. Vance Orbans Führungsqualitäten lobte. Dennoch siegte Peter Magyar mit deutlichem Vorsprung.
Magyars Sieg bringt Ungarn politische Unsicherheiten und stellt Fragen zur zukünftigen Regierungsführung, EU-Beziehungen sowie zum Umgang mit Russland und der Ukraine.
György Dalos, geboren 1943 in Budapest, ist Schriftsteller und Historiker. Zu seinen Werken gehören “Das System Orbán: Die autoritäre Verwandlung Ungarns” (2022) und “Neutralität und Kaiserschmarrn. Eine Geschichte Österreichs seit 1945” (2025).