Im Zentrum von Witikon verwandelt sich eine Wiese neben einem Tennisplatz in ein Festivalgelände für Laufenthusiasten, die ihre physischen Grenzen austesten. Anstatt Bierkisten stapeln sich hier Kartons mit koffeinhaltigen Getränken und Energiespendern wie Nudelsuppen und Bananen. Männer und Frauen in Joggingkleidung suchen Schutz vor Kälte und Regen, während einige versuchen zu schlafen.
Der Witiker Backyard-Ultra zieht Läufer an, die nicht feiern, sondern die Strapazen eines endlos erscheinenden Rennens auf sich nehmen. Die Teilnehmer müssen pro Stunde 6,706 Kilometer absolvieren. Wer länger als 60 Minuten benötigt, scheidet aus – das Ziel ist es, bis nur noch einer übrig bleibt.
Nima Javaheri, ein Londoner mit Wohnsitz in Zürich und Angestellter bei einer Großbank, gilt als Favorit unter den Teilnehmern. Obwohl er sich selbst als “Niemand” innerhalb der Laufszene bezeichnet, hat er sich im Backyard-Ultra eine Nische geschaffen. Javaheri strebt danach, seine bisherige Bestleistung von 38 Stunden und 254,6 Kilometern zu übertreffen.
Der Wettkampf beginnt mit einem Startsignal um 11:57 Uhr. Teilnehmer, darunter die deutsche Tattoo-Künstlerin Lily Lu, starten ihre Runden, während einige auf ein paar Yards oder einen Marathon hoffen. Der Schweizer Renndirektor Carsten Drilling leitet das Rennen, das sich bereits als beliebtes Format etabliert hat und in diesem Jahr innerhalb einer Stunde ausverkauft war.
Nima Javaheri wird von seiner Frau Fargah unterstützt, die für seine Verpflegung sorgt. Ihre Organisation ist präzise: Nach 50 Minuten Laufzeit folgen fünf Minuten Schlaf und dann geht es weiter. Trotz der Herausforderungen findet Javaheri während des Laufs zur Ruhe und nutzt den Sport als Meditation.
Mit jedem abgeschlossenen Yard steigt die Zahl der Aussteiger – ihre Namen verschwinden vom Reissbrett unter dem Eintrag “did not finish”. In den frühen Morgenstunden sind nur noch zehn Läufer im Rennen, darunter Javaheri und der Schwede Niklas Sjöblom.
Am Samstagmorgen beginnt Javaheri die letzte Runde, nachdem sein Konkurrent Sjöblom ausgeschieden ist. Im Ziel empfangen ihn Applaus und Anerkennung für seine Ausdauerleistung. Trotz des Erreichens nicht des Schweizer Rekords, sondern nur des lokalen Erfolgs in Witikon, reflektiert er die Lektionen der Backyard-Ultras: Alles vergeht.
Nach der Siegerehrung, umgeben von Sonne und Applaus, zeigt Javaheri seine erschöpften Füße, bandagiert mit Tape. Sein Resümee nach dem Rennen ist klar: Die Herausforderungen haben ihn gelehrt, dass alles vorübergeht.